Für unsere Interessen kämpfen und gewinnen – ein Leitfaden zur Arbeit als Solidaritätsnetzwerk

0. Wozu dient dieser Leitfaden?

Mit diesem Dokument wollen wir eine Hilfestellung leisten für all jene, die in ihrer Stadt, ihrem Stadtteil oder an ihrem Betrieb eine Gruppe des Solidaritätsnetzwerks gründen wollen, oder einer bestehenden Gruppe beitreten wollen. Wir wollen Anregungen liefern, wie ihr Kämpfe für soziale Verbesserungen und zum Durchsetzen eurer Interessen beginnen und nachhaltig führen könnt.

Zunächst erläutern wir die Grundidee des Solidaritätsnetzwerks und inwiefern wir uns als politische Organisation von etablierten Parteien, Stellverteter:innendenken, und bloßen Beratungsangeboten abgrenzen.

Wir erläutern, welche Personen wir primär organisieren wollen – Arbeiter:innen, Frauen, Migrant:innen – und warum.

Wir wollen euch ebenfalls Ideen geben, wie ihr mit der Arbeit beginnen könnt. Was ihr hierfür braucht, ist eine gute Analyse des Orts, an dem ihr aktiv werden wollt und die Kontaktaufnahme mit den Menschen aus diesem Ort. Was ihr hingegen nicht sofort brauchen werdet, sind viele Personen, große Geldmittel, oder feste Räume.

Anschließend wollen wir darauf auf einige Fragen zu den Kämpfen, die wir führen eingehen – welche Art von Kampf führen wir, und mit welchem Ziel? Gegen welche Institutionen und Personen kämpfen wir und mit welchen Mitteln können wir Druck aufbauen? Wer sind unsere Verbündete? Wie planen wir eine Kampagne, und wie werten wir sie am Ende aus?

Natürlich werden wir nicht immer nur eigene Kampagnen durchführen, sondern auch in bestehende politische Kämpfe eingreifen. Wie wir das sinnvoll tun können, klären wir in einem Abschnitt.

Wir heben ebenfalls die Wichtigkeit hervor, eine Gemeinschaft aufzubauen und auch außerhalb konkreter Kampagnen füreinander dazu sein – sei es durch persönliche Unterstützung, Kulturangebote, oder dem freien Austausch an „Stammtischen“.

Kein langfristiger Kampf kann ohne ein Bewusstsein der Geschichte der Arbeiter.innenbewegung konsequent geführt werden. Deshalb gehen wir einem Abschnitt auf das Thema der Bildungsarbeit ein.

Letztlich widmen wir uns der konkreten Organisierung des Solidaritätsnetzwerks – seine Gremien, Entscheidungsfindung, und wie wir auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten unserer Mitglieder und Unterstützer:innen eingehen können.

1. Die Idee des Solidaritätsnetzwerks

Überall in Deutschland finden wir Menschen mit denselben Interessen und Problemen. Die Idee des Solidaritätsnetzwerk ist es, diese Menschen zusammenzubringen und gemeinsame Kämpfe gegen die Auswirkungen des Kapitalismus zu führen.

Was in diesem Land fehlt, ist eine Organisation, die sich ganz klar auf die Seite der Arbeiterinnen und Arbeitern, der unterdrückten Frauen, der Migrant:innen und Rentner:innen stellt und für die Verteidigung ihrer Rechte und die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen kämpft.

Im Zentrum unserer Arbeit stehen deshalb die Probleme, die wir aufgrund unserer Lage als Arbeiterinnen und Arbeiter haben – unbezahlte Überstunden, nicht ausgezahlter Lohn, Lohnsenkungen, Schikane beim Arbeits- oder Ausländeramt, Wohnungskündigung usw. Es sind diese Probleme, die uns verbinden, und nur wenn wir gemeinsam kämpfen, können wir sie lösen.

Wichtig ist uns, dass das Solidaritätsnetzwerk nicht einfach eine Art Beratungsstelle oder „Rechtsversicherung“ ist. Es geht uns z.B. nicht in erster Linie darum, etwaige illegale Kündigungen vor Gericht abzuwehren. Wir sind überzeugt, dass wir uns selber aus unserer Lage helfen müssen und nicht auf Stellvertreter:innen verlassen dürfen. Darum schließen wir uns zusammen und kämpfen gemeinsam gegen all das, was unseren Interessen entgegensteht!

Denn die Geschichte lehrt uns: soziale Verbesserungen sind nicht das automatische Resultat eines durchgängigen Fortschritts, sie müssen von den betroffenen Gruppen erkämpft werden. So brauchte es weltweite Streiks und Proteste, um den Achtstundentag in einigen Ländern zur Realität zu machen. Die erste Einführung des Achtstundentags in Deutschland im Jahre 1918 war selbst eine Reaktion auf die Novemberrevolution und der Versuch, die Bildung einer Räterepublik mit Eingeständnissen an die Arbeiterinnen und Arbeiter zu verhindern. Ohne den massiven Druck aus der Bevölkerung hätten Unternehmer:innen ihre Belegschaft gerne länger arbeiten lassen!

Die Gesetze in Deutschland bevorzugen Unternehmer:innen, Vermieter:innen oder eben den Staat. Deren Erfolg an den Gerichten ist nahezu vorprogrammiert, denn wer von uns hat das Geld für lange Rechtsstreite? Unser Ansatz ist deswegen ein anderer. Wir richten uns an Menschen, die sich gegen die Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfahren, zur Wehr setzen wollen.

Das Solidaritätsnetzwerk setzt sich dabei den Anspruch, ein Anlaufpunkt der kollektiven Organisierung zu sein. Es ist keine Organisation, die sich nur für schlechte Arbeitsbedingungen interessiert, Arbeitslose unterstützt oder auf Konflikte mit den Vermieter:innen beschränkt. Genauso wollen wir die direkten Problem in unserer Nachbarschaft und unserem Viertel angehen und gemeinsam lösen. Nicht der Staat, Gerichte oder sonstige Institutionen, sondern unsere gemeinsame Kraft ist das worauf wir vertrauen.

In unserem Netzwerk stehen wir nicht mehr alleine da, sondern gemeinsam mit Menschen, die in der gleichen oder einer ähnlichen Lage wie wir sind. Wir sind in verschiedenen Städten und Regionen Deutschlands aktiv, und können uns dadurch auch bundesweit unterstützen und gemeinsam kämpfen.

Wenn du interessiert an dieser Arbeit bist, wollen wir dir im Folgenden unsere Grundgedanken vorstellen.

2. Warum Arbeiter:innen, Frauen und Migrant:innen?

Gleich am Anfang in unserem Selbstverständnis steht:

Das Solidaritätsnetzwerk ist ein Zusammenschluss von Arbeiter:innen, Arbeitslosen, Frauen und Migrant:innen zur gemeinsamen Verteidigung und Durchsetzung unserer Interessen und Rechte.“

Vielleicht stellt sich euch die Frage, warum gerade diese Aufzählung? Im Kapitalismus ist die Gesellschaft in zwei Haupt-Klassen geteilt. Eine Minderheit, die großen Unternehmer:innen kontrollieren die Produktion und den Handel, sie beuten fast den ganzen Rest der Gesellschaft aus. Der Großteil der Gesellschaft besteht aus Arbeiterinnen und Arbeitern, die für andere arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese beiden Klassen haben entgegengesetzte Interessen und das Ziel des Solidaritätsnetzwerks ist es, dass wir die Interessen unserer Klasse – der Arbeiter:innenklasse – durchsetzen – also erfolgreiche Klassenkämpfe führen.

Nun nimmt die Ausbeutung aber unterschiedliche Formen an und wir werden auf unterschiedliche Weise unterdrückt.

Als Arbeiter:innen oder Angestellte arbeiten wir für einen Lohn. Die Unternehmer:innen haben ganz klare wirtschaftliche Interessen: Weniger Lohn, längere Arbeitszeiten und dass wir schneller arbeiten. Unsere Interessen als Arbeiter:innen sind genauso klar: Höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, keine Überstunden und weniger Stress bei der Arbeit. Das heißt unser Arbeitsplatz ist ein wichtiger Ort, an dem der Klassenkampf stattfindet.

Aber es ist nicht das einzige Problem, das wir erleben. Viele Arbeiter:innen werden arbeitslos, manche nur für ein paar Monate, andere bleiben es jahrelang. Als Arbeitslose sind wir schnell mit anderen Problemen als am Arbeitsplatz konfrontiert: Wie finden wir wieder Arbeit? Wie verhindern wir Sanktionen beim Jobcenter? Wie kommen wir mit Hartz IV über die Runden? Das Jobcenter ist also ein weiterer Ort des Klassenkampfs.

Natürlich werden auch Frauen als Arbeiterinnen ausgebeutet. Aber die Ausbeutung ist hier besonders stark, denn Frauen bekommen in Deutschland durchschnittlich immer noch 23% weniger Lohn als Männer. Wenn sich Frauen wehren wollen, kommt oft genug hinzu, dass sie erst mal einen Kampf in den eigenen vier Wänden führen müssen: Hausarbeit und Kindererziehung wird noch immer als „Frauensache“ betrachtet und nach dem Arbeitstag müssen Frauen nur zu häufig für ihren Partner weiterarbeiten. Das heißt für Frauen kommt eine besondere Unterdrückung zur Ausbeutung als Arbeiterin hinzu. Sie werden in allen Bereichen des Lebens diskriminiert, sind Belästigungen und Angriffen ausgesetzt. Gegen diese patriarchale Unterdrückung müssen sie sich zusammenschließen und wehren. Und wir müssen uns bewusst sein, dass sich patriarchale Repression ebenfalls gegen Menschen richtet die, die außerhalb der herrschenden Geschlechtsnormen stehen, oder aufgrund ihrer sexuellen Orientierung unterdrückt werden. Dass die Kämpfe dieser Gruppen nicht im Gegensatz zum Kampf der Arbeiter:innenklasse stehen, hat uns u.a. der britische Bergarbeiterstreik von 1984 gezeigt. Große Teile der LGBTQ-Bewegung unterstützten die Bergarbeiter:innen in ihrem Kampf. Obwohl die Forderungen der Bergarbeiter:innen nicht durchgesetzt wurden, schuf der gemeinsame Kampf die Grundlage für aktive Solidarität zwischen Minenarbeiter:innen und der LGBTQ-Bewegung.

Migrant:innen sind mit dem Rassismus in Deutschland konfrontiert. Weil sich die rechte Bewegung stärkt, sind sie zunehmend Angriffen bis hin zu Terror ausgesetzt. Auch ihre Löhne sind häufig niedriger und es ist für sie schwieriger Ausbildungsstellen, Jobs und Wohnungen zu bekommen. Einige Migrant:innen haben zusätzliche Probleme, weil sie von Abschiebungen bedroht sind. Sie müssen also besondere Kampf- und Organisationsformen entwickeln.

Wir sind eine Klasse, aber unser Leben und unsere Probleme sind zum Teil recht unterschiedlich. So unterschiedlich, dass manch einer behauptet, es gäbe überhaupt keine Arbeiter:innenklasse mehr. Das halten wir für Quatsch! Letztlich werden wir alle in diesem kapitalistischen System ausgebeutet, unser Feind ist damit derselbe, lediglich die Formen, in denen wir den Klassenkampf führen, werden unterschiedlich sein.

Deshalb organisieren wir uns gemeinsam im Solidaritätsnetzwerk. Einem Netzwerk zwischen den verschiedenen Teilen der ausgebeuteten und unterdrückten Menschen. Wir schließen uns für den Kampf um unsere Interessen zusammenschließen, wir unterstützen uns gegenseitig solidarisch. Und wir vergessen nie, dass wir Teil einer Klasse sind! Bereits Marx und Engels wussten – wir haben nichts zu verlieren, außer unsere Ketten!

3. Womit beginnen?

Unsere Erfahrung zeigt, dass wir weniger brauchen, als man denken könnte, um solch ein Netzwerk aufzubauen.

Es ist auf jeden Fall gut, nicht ganz allein zu sein. Eine kleine Gruppe, die von der Idee überzeugt und bereit Energie und Tatkraft hineinzustecken ist wohl die wichtigste Voraussetzung. Für den Anfang reichen schon zwei bis drei Personen! Wir brauchen auf jeden Fall einen langen Atem und auch ein bisschen Frustrationstoleranz. Nicht alles wird von Anfang an klappen. Doch ihr werdet merken, es lohnt sich, sich zu organisieren und kollektiv zu wehren, denn nur so können Veränderungen erkämpft werden.

Was wir zum Anfang dagegen nicht unbedingt brauchen:

  • Große Geldmittel! Wir haben festgelegt, dass alle, die beim Solidaritätsnetzwerk mitmachen wollen, einen kleinen Mitgliedsbeitrag zahlen. Wenn dieser regelmäßig eingesammelt wird, haben wir schon eine Basis für unsere ersten Aktionen und Aktivitäten.
  • Eigene Räumlichkeiten! Denn es gibt in fast allen Städten eine Vielzahl von Gebäuden, die wir für den Anfang nutzen können. Stadtteil- und Jugendzentren bieten sich hierfür an. Auch können öffentliche Orte wie Cafés oder Kneipen und Privatwohnungen für den Anfang genutzt werden.
  • Juristisches Wissen oder anderes Fachwissen! Natürlich werden wir mit Problemen in Kontakt kommen, bei denen sich uns Fragen stellen, die wir klären müssen, um zu bestimmen, wie wir vorgehen wollen. Aber das heißt nicht, dass wir Expert:innen in unserer Gruppe brauchen. Ein Grundwissen kann man sich schnell anlesen und zu den meisten Fragen (Mietrecht, Hartz IV, Arbeitsrecht) gibt es weitergehende Beratungsstellen. Diese können und wollen wir nicht ersetzen.

Einige dieser Elemente werden wir im Laufe unserer Arbeit und unseres Wachstums uns Stück für Stück aneignen und aufbauen.

3.1. Wo und wie organisieren wir Aktionen und Solidarität?

Die einfache Antwort: Überall dort wo es nötig ist! Die Erfahrungen der Arbeiter:innenbewegung zeigen, dass wir immer Organisationen brauchen, um unsere Interessen zu verteidigen. Das Solidaritätsnetzwerk ist deswegen sehr flexibel: Es kann in Betrieben, in Stadtvierteln, Flüchtlingslagern und anderswo aktiv werden.

Wir stehen mit dieser Arbeit noch am Anfang. Deswegen gehen wir davon aus, dass wir zuerst Solidaritätsnetzwerke überall dort gründen müssen, wo wir leben und arbeiten. Das ist auch deshalb notwendig, weil es schwierig ist sich an einem Ort zu verankern, an dem wir selbst nicht dauerhaft sind. Ihr werdet auch sehen, dass es viele positive Wechselwirkungen gibt, wenn ihr euch auf einen Ort konzentriert – vielleicht

trefft ihr eure Nachbarn, mit denen ihr letztens diskutiert habt beim Einkaufen, oder ihr könnt euch mit euren Kolleg:innen in den Pausen politisch vernetzen.

Ob ihr nun zwei Personen seid oder eine Gruppe mit zehn festen Mitgliedern: Es ergibt Sinn, wenn ihr euch gemeinsam die Lage und Probleme in eurer Stadt, eurem Viertel oder eurem Betrieb einmal genauer anschaut und analysiert. Hierbei ist es auch sinnvoll, eure eigene Lage genauer zu analysieren und euch mit Fragen zu beschäftigen, wie:

In welchen Stadtteilen wohnen wir? Im selben Stadtteil/im selben Bezirk?

Wohnt jemand/mehrere bei einem, vllt. sogar demselben Großvermieter und hat dort Probleme?

Wo arbeiten wir? In einem Kleinbetrieb, einem Großbetrieb, in derselben Branche?

Gibt es Menschen von uns die arbeitslos sind oder anderweitig regelmäßig mit Problemen bei Ämtern und anderen staatlichen Stellen konfrontiert werden?

Gibt es weitere Unterdrückungsmechanismen, wodurch verschiedene Menschen betroffen sind? Zum Beispiel Rassismus, Sexismus usw.?

Wo brauchen wir selbst jetzt schon Hilfe?

Ausgehend von so einer Einschätzung könnt ihr dann also zu Ergebnissen kommen, worauf ihr euch vorerst konzentrieren wollt. Das könnte z.B. ein Stadtteil/Bezirk sein, in dem schon mehrere wohnen (und sich auch andere vorstellen können hinzuziehen) und in dem besonders viele Menschen in der gleichen Lage wie wir leben.

3.2. Erkundungsphase und Kontaktarbeit

In vielen Fällen haben wir positive Erfahrungen damit gemacht, es nicht gleich zu überstürzen und sich am Anfang ein paar Gedanken über die eigene Stadt, das Viertel oder den Betrieb zu machen, in dem wir arbeiten wollen.

Leitfragen für einen Stadtteil könnten zum Beispiel sein:

Was sind die Besonderheiten meiner Stadt/meines Stadtviertels? Wie unterscheidet sich dieses von anderen Vierteln oder Städte der Region?

Welche Betriebe gibt es dort?

Wie setzt sich die Bevölkerung zusammen? Einkommen, Alter, Berufe, Herkunft?

Welche soziale und politische Atmosphäre ist vorherrschend?

Was sind subjektiv und objektiv die größten Probleme? Was prägt das Bewusstsein der Menschen?

Um uns mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und Antworten auf diese zu finden haben wir bis jetzt vor allem mit zwei Methoden gearbeitet:

A. Gemeinsame Recherche

Legt eine Aufgabenteilung fest und sucht im Internet, Bibliotheken oder Zeitungen nach Informationen zu den Fragen, die ihr euch stellt. Interessant sind hierbei beispielsweise:

1. offiziellen Statistiken (werden von den meisten Städten im Internet zur Verfügung gestellt), 2. Berichte über die Entwicklung eures Viertels und 3. Wahlergebnisse.

B. Aktivierende Befragung

Um einen besseren Eindruck von dem Ort, an dem ihr arbeiten wollt zu bekommen (z.B. Stadt/Stadtteil/Betrieb), ist eine aktivierende Befragung ein guter erster Schritt.

Die Idee ist einfach: Wir bereiten uns mit ein paar Fragen vor, gehen auf die Menschen an dem Ort, den wir organisieren wollen zu und bitten sie, ein kurzes Gespräch mit uns zu führen.

Wir haben diese Methode schon in mehreren Städten ausprobiert und waren durchweg positiv von den Ergebnissen überrascht. In vielen Fällen konnten wir gleich am Ende des Gesprächs Kontakte mit den Interviewpartner:innen austauschen, weil sie Interesse an unserer Arbeit gewonnen hatten und selbst gerne aktiv werden möchten.

Fragen, die wir bei Umfragen im Stadtteil benutzt haben, waren zum Beispiel:

1. Kommst du aus XY?

2. Wo arbeitest du/gehst du zur Schule etc.?

3. Wie siehst du die Situation in deiner Stadt im Vergleich zum Rest Deutschlands?

4. Welche Probleme siehst du in deinem Stadtteil?

5. Fühlst du dich als Frau unterdrückt? (Diese Frage wird natürlich nur an Frauen gestellt)

6. Wärst du selber bereit aktiv zu werden, wenn wir etwas gegen diese Situation unternehmen wollen?

7. Mit wem sollte ich noch so ein Gespräch führen?

Wenn ihr Interesse an unseren Fragebögen habt, dann meldet euch unter info@soli-net.de

Ziel dieser aktivierenden Befragung ist es auch, Schlüsselpersonen zu finden und zu organisieren. Das sind solche Menschen, die innerhalb der Nachbarschaft oder Arbeitsplatz bereits aktiv geworden sind, durch ihre lebendige Arbeit Anerkennung und eine gewisse Bekanntheit erfahren haben und damit ein Mobilisierungspotenzial mitbringen. Oft sind die Menschen bereits „organisiert“ – sei es für gegenseitige Kinderbetreuung, im Sportverein o.ä. Schaut, ob ihr solche kommunikativen Knotenpunkte finden könnt. wiederum weitere neue Menschen ansprechen, motivieren und mobilisieren. Wir sind bei unseren Befragungen schon auf sehr viel Interesse gestoßen und diese selbst waren ein gutes Mittel, um einen Grundstock von Mitgliedern oder Unterstützer:innen im Solidaritätsnetzwerk zu schaffen. Wichtig dabei ist, dass wir leicht ansprechbar sind, dass wir per Handy, sozialer Medien und auf der Straße erreichbar für interessierte Menschen sind.

4. Kämpfe führen und unsere Interessen durchsetzen

Wir haben ganz am Anfang geschrieben, dass das Solidaritätsnetzwerk dafür da ist, Klassenkämpfe zu führen, also unsere Interessen durchzusetzen. Wir sind keine große Gewerkschaft mit Millionen Euro in der Streikkasse. Auch wenn das Solidaritätsnetzwerk ständig wächst und mehr Städte dazu kommen, sind wir auch noch weit davon entfernt in ganz Deutschland Mitstreiter:innen zu haben.

Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht wehren könnten. Wir werden im Kleinen anfangen und mit unserer Organisation, werden auch unsere Kämpfe und die von uns erreichbaren Ziele wachsen. Dabei ist uns klar, dass viele unserer heutigen Probleme nicht in diesem System gelöst werden können. Ist das für uns ein Grund zu resignieren und die Hände in den Schoß zu legen? Natürlich nicht!

Mit jedem erfolgreichen und noch so kleinem Kampf wird unser Bewusstsein, unsere Organisiertheit und unsere Anzahl wachsen. Jeder Erfolg, den wir gegen Vermieter:innen, Chef:innen, Beamt:innen und im Viertel erringen, lässt unseren Erfahrungsschatz wachsen und hilft uns neue Herausforderungen zu meistern.

4.1. Welchen Kampf führen?

Doch wie wählen wir aus, welchen Kampf wir führen? Je nach euren Bedingungen und Kräften kann es verschiedene Anlässe und Ursprünge für Kämpfe geben. Grundsätzlich lassen sich diese in zwei Arten unterteilen.

Zum einen gibt es die Kämpfe die (vordergründig) nur eine oder wenige Personen betreffen, die ihr bereits kennt. Das ist z.B. die Mieterhöhung bei privaten Vermieter:innen oder z.B. die Sanktion beim Jobcenter. Vielleicht seid ihr selbst die Betroffenen. Oder es können Menschen sein, die auf euch aufmerksam geworden sind und Kontakt aufgenommen haben – sei es über das Internet, über Plakate, die ihr im Stadtteil aufgehängt habt, o.ä.

Solche Kämpfe zu führen ist positiv, man kann dort manchmal schnell Erfolge erzielen. Voraussetzung für solche Kämpfe muss sein, dass die betroffene Person mit in den Kampf einbezogen ist und aktiv teilnimmt. Denn alles andere würde unserem Ziel, das Stellvertreter:innendenken aufzubrechen, widersprechen. Wichtig ist ebenfalls, dass man mit der Person im Vorhinein diskutiert, dass man eine Organisation gegenseitiger Hilfe ist. Das bedeutet, dass man sich wünscht, dass die Person, auch in Zukunft bei Aktionen dabei ist, wenn es um die Unterstützung anderer Kolleg:innen geht.

Zum anderen gibt es Kämpfe, die entstehen, weil ihr bewusst eine Organisierungsarbeit an einem bestimmten Ort beginnt – z.B. einem Wohnkomplex. in einer Straße, bei einer:m Großvermieter:in, einem Betrieb, in einem Jobcenter o.ä.. Diese Entscheidung solltet ihr auf Grundlage einer Erkundungs- und Analysearbeit (Siehe Punkt 3.) treffen. Diese Arbeit kann sehr positive Früchte tragen und eure Organisation vor Ort verankern. Versucht deshalb von Angang an, eine solche Arbeit zu beginnen. Denn eine Verankerung dauert sehr lange. Voraussetzung dafür ist, dass mindestens eine, wenn nicht besserer mehrere Personen an diesem bestimmten Ort leben oder arbeiten. Denn solch eine Arbeit von „außen“ zu führen, führt erfahrungsgemäß irgendwann in eine Sackgasse.

Welchen Kampf ihr für welche Forderung führen wollt ist gar nicht so einfach zu entscheiden. Grundlage für die Auswahl sollten klare Informationen aus dem Gebiet sein, in dem ihr organisieren wollt. Dies geschieht am besten über eine konkretisierte aktivierende Befragung und eins-zu-eins Gespräche bei den Menschen vor Ort. Diese sollte genauer auf die konkreten Probleme und Fragestellungen zugeschnitten sein, die ihr bei einer oberflächlichen Analyse schon erkannt hattet.

Auf Grundlage dieser Ergebnisse könnt ihr dann wahrscheinlich verschiedene Problem-Komplexe festhalten. Die folgenden Punkte können bei der Entscheidung helfen zu welchem Thema es dann Sinn macht eine Kampagne zu entwickeln.

  • Das Thema muss selbstverständlich die Lebens- und/oder Arbeitsbedingungen der Betroffenen und damit auch der Arbeiter:innenklasse als Ganzes verbessern.
  • Es muss möglichst viele Menschen betreffen. Denn dann gibt es die Möglichkeit mehr Menschen in den Kampf einzubeziehen.
  • Es muss die Menschen bewegen. Denn auch wenn es Themen gibt, die viele betreffen und wo sich viele drüber aufregen – nicht jedes Thema ist den Menschen so wichtig, dass sie auch bereit sind, dafür aktiv zu werden.
  • Es muss gewinnbare Forderungen mit solchen Forderungen verknüpfen, welche die grundlegenden Ungerechtigkeiten der Gesellschaft in den Blick nehmen.
  • Es muss eurem Solidaritätsnetzwerk ermöglichen sich zu stärken, d.h. die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und verschiedene eurer Aktiven in den Kampf mit einzubeziehen.
  • Es sollte (wenn möglich) dazu dienen, die Einheit verschiedener Sektoren der Arbeiter:innenklasse zu stärken und Gegenmacht ein kleines Stück mehr aufzubauen.
  • Es sollte euch ermöglichen eure Bündnisarbeit mit ähnlichen Kräften weiter auszubauen.

Solltet ihr ein Thema gefunden haben könnt ihr gleich loslegen oder aber nochmal eure Hypothesen überprüfen. Das könnt ihr z.B. durch eine zweite Runde von Befragungen erreichen, die dann gezielt in dem Bereich/Ort stattfindet, wo ihr Organisierungsarbeit entwickeln wollt. Diese Befragungen sollten darauf ausgerichtet sein, Schlüsselpersonen und Mitstreiter:innen zu identifizieren.

Ob ihr eine Kampagne mit einem einzelnen Individuum führt oder eine längere Verankerungsarbeit plant – wenn ihr einen Kampf im Blick habt, geht es nun darum, einen Kampagnen-Plan aufzustellen.

Wie geht das? Es ist ein Interessenkonflikt, den wir gewinnen wollen. Unsere Interessen stehen gegen die von Bossen, Vermieter:innen, Beamt:innen und dem Staat. Um erfolgreich sein zu können, brauchen wir immer einen Plan. Solch ein Plan sollte aus einem Ziel bestehen, einer Strategie und verschiedenen Aktionsmitteln. Obendrauf die Flexibilität, den Plan anzupassen, wenn nötig.

4.2. Was ist unser Ziel?

Bei jedem Kampf haben wir konkrete Forderungen, die umgesetzt werden sollen: zum Beispiel, dass Kündigungen zurückgenommen werden, eine Zwangsräumung verhindert wird, eine Abschiebung verhindert wird, dass endlich Frauen die gleichen Löhne wie Männer in einem Betrieb bekommen, dass die Überstunden bezahlt werden, dass es saubere Spielplätze und nachbarschaftliche Selbstorganisation im Stadtteil gibt.

Wenn ihr Forderungen aufstellt, solltet ihr darauf achten, nicht nur solche aufzustellen, die unmittelbar zu gewinnen sind. Denn unser Ziel ist es nicht einfach nur das eine oder andere Reförmchen umzusetzen – wir wollen auch den Horizont von uns selbst und den Menschen, die wir organisieren erweitern. Wenn wir wollen, dass z.B. eine konkrete Zwangsräumung verhindert wird, dürfen und sollten wir durchaus die Vergesellschaftung der Wohnungskonzerne im gleichen Atemzug fordern.

4.3. Wer sind unsere Gegner:innen?

Die Frage ist dabei, wer kann unsere Forderung erfüllen und wer ist für unsere Situation verantwortlich. Oft ist das einfach zu beantworten: Vermieter:innen, Chef:innen, staatliche Beamt:innen.

Wir sollten jedoch versuchen nicht nur an „abstrakten“ Gegner:innen kleben zu bleiben, sondern auf konkrete Gegner:innen zu schließen. Es gilt sich diese Personen genau anzuschauen, zu recherchieren und zu schauen, wie man Druck aufbauen könnte. Das bedeutet sich die Schwachpunkte der Vermietungsgesellschaft, des Unternehmens, aber auch der konkreten Personen anzuschauen: Gibt sich ein Unternehmen besonders „bio“ und „alternativ“ wird es um sein Image bemüht sein. Hat das Unternehmen oder der:die Chef:in bald eine Benefiz-Veranstaltung, auf der man auftauchen könnte? Welche Maschine darf im Unternehmen auf keinen Fall stillstehen, wenn die Produktion weiterlaufen soll?

Außerdem ist es wichtig, den:die Gegner:in zu kennen und seine:ihre Reaktion versuchen vorherzusehen: Wird die Person oder die Institution aggressiv oder integrativ reagieren? Wird sie den Konflikt aussitzen? Wird sie selbst versuchen, aktiv Angst, Verwirrung, Spaltung oder Hoffnungslosigkeit zu streuen? Eine gründliche Recherche ermöglicht uns anschließend organisierter und erfolgreicher zu kämpfen.

4.4. Welche Druckmittel haben wir, um unser Ziel zu erreichen?

Manchmal ist schon ausreichend eine Forderung z.B. in einem Brief oder öffentlichkeitswirksam zu stellen, um genug Druck aufzubauen, dass die Forderungen erfüllt werden. Meistens, weil sich unsere Gegner:innen erhoffen, dass sie die Sache damit runter kochen können. Für einige Unternehmen, Vermieter:innen und Behörden ist ein Image-Schaden (z.B. durch Flugblätter vor ihren Geschäften, Plakaten oder ähnlichem) ein großes Problem. Andere wiederum wie Amazon nehmen das offensichtlich bewusst in Kauf.

Natürlich gilt: je mehr Betroffene vom gleichen Problem wir zusammenschließen, desto stärker sind wir. Das Solidaritätsnetzwerk hat sich keine Grenzen gesetzt, was seine Kampfformen betrifft. Wir werden kreativ sein, um die Aktionsformen zu finden, mit denen wir unsere Interessen durchsetzen können.

Dies können niedrigschwellige Aktionen sein: Eine öffentlichkeitswirksame Petitionsübergabe, eine Kundgebung vor der Konzernzentrale, eine Plakat-Aktion im Umfeld der Vermieter:innen, ein Flashmob auf der Benefizveranstaltung einer Partei. Sie können aber auch größeren Umfang haben und konfrontativer sein, je nach Ziel der Kampagne: zum Beispiel die Organisation eine Mietstreiks, der Besetzung eines Management-Büros oder eines Boykotts.

Die Aktionen sollten grundsätzlich möglichst sichtbar und öffentlich, kollektiv und konfrontativ sein, müssen aber der Stärke des:der Gegner:in sowie der Risikobereitschaft der Basis angepasst sein. Zur Planung gehört auch die Vorbereitung einer Medienstrategie.

4.5. Welche Mitstreiter:innen und Verbündete können wir gewinnen?

Zunächst sind das natürlich all jene Menschen, die von dem Problem unmittelbar betroffen sind. Die Nachbar:innen im selben Haus, der Straße und dem Viertel. Die Kolleg:innen in derselben Abteilung, demselben Betrieb und derselben Branche. Die Kontaktarbeit mit diesen Menschen muss der Kern unserer Kampagne sein – damit steht und fällt ein Großteil seines Erfolges. Nur wenn es uns gelingt Betroffene und Unterstützer:innen zu mobilisieren, wird es uns gelingen unseren Kampagnenplan durchzuführen.

Zudem sollten wir uns fragen: gibt es auch andere Organisationen, die unsere Interessen teilen oder über unseren Kampf berichten und somit den Druck erhöhen können (Journalist:innen, Verbände, Vereine, politische Gruppen etc.)? Von denen wir Materialien für unsere Aktionen ausleihen können (Druckmaschine, Tische, Megafon etc.)? Die mit uns auf der Straße stehen?

4.6. Aufstellung eines Kampagnenplans

Unser Plan darf nicht auf leeren Drohungen basieren, sondern muss auf Dingen aufbauen, die wir tatsächlich bereit sind zu tun und auch in der Lage sind umzusetzen. Wir sollten zudem nicht unser größtes Druckmittel gleich an den Anfang setzen.

Deshalb sollten wir eine „Eskalationsleiter“ aufstellen. Eine Kampagne erhöht stückweise den Druck und geht nicht von Anfang an aufs Ganze. Eine unkluge Reaktion der Gegenpartei auf eine eigene Aktion kann zu neuer Dynamik führen. Ebenso führt eine schrittweise Steigerung des Drucks dazu, dass die Gegenseite unsicher ist, welche Aktion als nächstes kommen kann – und somit möglicherweise der Forderung vorzeitig zustimmt. Ebenso sollten wir klar festlegen, wie weit wir gehen, wenn wir einen Kampf nicht zu 100% für uns entscheiden können.

Es geht uns nicht in erster Linie darum die einzelnen Kämpfe für uns zu entscheiden, sondern vielmehr darum, das Gefühl der Hilflosigkeit zu durchbrechen und die Menschen anhand ihrer eigenen Lebensrealität zu aktivieren und zu politisieren. Unser Ziel ist es, sie zu dauerhaften Teilen des Solidaritätsnetzwerks zu machen.

[-> Evtl. Eskalationsleiter aufmalen? oder „Ideenwolke“]

4.7. Den Kampf führen

Ist der Aktionsplan entwickelt und gegebenenfalls noch einmal überprüft worden, beginnt die Phase der Mobilisierung. Wie diese stattfindet, wird von der Art der Aktion bestimmt: Wie viel Einsatz sie verlangt, wie viele Menschen von Nöten sind und ob sie öffentlich angekündigt ist oder verdeckt geplant wird.

Der Mobilisierungs-Erfolg hängt von vielen konkreten taktischen Faktoren ab: Ob die richtigen Schlüsselpersonen angesprochen werden, ob das Thema den Betrieb oder den Stadtteil und die eigenen Aktiven wirklich bewegt, ob der:die Gegner:in richtig bestimmt ist, die Aktionsformen zum Mitmachen anregen, die Medienstrategie greift und die Bündnispartner:innen mitziehen.

Die Durchführung der Kampagne nach der geplanten Eskalationsleiter kann sowohl unseren Aktiven als auch denjenigen, die an der Kampagne beteiligt sind, viel abverlangen. Es kann zu Anzeigen wegen Rufmords, Androhung von Kündigungen oder realer Kündigung, Polizeieinsätzen gegen Flashmobs oder zu Zwangsräumungen wegen eines Mietstreiks kommen.

Deshalb ist es sowohl wichtig, dass diejenigen, die sich an den Aktionen beteiligen, im Vorhinein darüber informiert sind, welche Gegenreaktionen folgen könnten und wie die rechtliche Situation ist, und dass sie sich im vollen Bewusstsein über mögliche Konsequenzen beteiligen.

Gleichzeitig gilt es an dieser Stelle, die Solidarität untereinander bei Gegenreaktionen zu betonen, die auch nach den Aktionen weitergeht, sowie die Energie, die aus einer kollektiven Aktion gezogen werden kann.

Mit gut durchgeführten Aktionen können wir uns unserer eigenen Macht als Arbeiter:innenklasse bewusst werden. Wir können unsere eigene Selbstwirksamkeit – in Solidarität mit anderen – erfahren und somit dem verbreiteten Gefühl der Resignation entgegenwirken!

4.8. Auswerten und daraus lernen

Wie eine Kampagne endet, kann sehr unterschiedlich sein: mit einem vollen Erfolg, einem Teilerfolg, einem Kompromiss oder sogar einer Niederlage. Unabhängig vom Ausgang der Kampagne müssen wir sie auswerten.

Hier gilt es, Erfolge und Misserfolge in allen Bereichen, also die Themenwahl und die Wahl der Forderung, die Recherchearbeit, die Wahl der Aktionsformen, die Mobilisierung, das Verhalten unserer Aktiven, aber auch die Strategie der Gegenseite, der Medienberichterstattung usw. kritisch und selbstkritisch auszuwerten.

Sind wir in der Lage, dies differenziert und im Zusammenspiel mit der Basis zu meistern, kann selbst ein Misserfolg zu einem Sieg gemacht werden – sei es allein die Feststellung, dass der gemeinsame solidarische Kampf dabei geholfen hat, die Vereinzelung zu durchbrechen und wir die gewonnenen Kampferfahrungen in zukünftige Kämpfe einbringen können.

Auch wenn wir Niederlagen erfahren – wir Arbeiter:innen sind die Mehrheit, und wenn wir solidarisch und diszipliniert kämpfen, werden wir letztlich gewinnen!

5. In politische Kämpfe eingreifen

Neben der konkreten und direkten Arbeit für die Verbesserung unserer Lebensbedingungen und Organisierungsarbeit sollten wir auch in bestehende politische Kämpfe eingreifen und weitere wichtige Bewegungen und Kampffelder nicht außer Acht lassen.

Will eine faschistische Organisation eine Kundgebung in unserem Viertel abhalten? Dann ist es unsere Aufgabe, unsere Nachbar:innen vom Stammtisch einzuladen und mit zu Protesten oder sogar Blockaden zu kommen. Denn Solidarität heißt auch den Spalter:innen und Faschist:innen konkret etwas entgegenzusetzen.

Stehen gerade große Angriffe von Regierungsseite an, wie z.B. bei einer Krise oder einer neuen Reform? Hier gilt es Proteste für die allgemeinen Interessen unserer Klasse zu organisieren. Am besten, in dem wir Bündnispartner:innen, die sonst z.B. sehr lokal orientiert sind mit einbeziehen und damit ihren Horizont erweitern.

Entwickelt sich eine soziale Bewegung wie z.B. Fridays-For-Future oder gegen die Verschärfung von Polizeigesetzen, dann sollten wir uns dort mit einem eigenen Auftritt beteiligen oder sogar eine Kampagne organisieren, wenn eine Arbeiter:innenperspektive bisher nicht sichtbar ist.

Wenn wir in politische Kämpfe eingreifen, sollten wir nicht nur „hingehen“, sondern auch organisatorisch aktiv sein, z.B. in den Strukturen, die die Proteste organisieren. Ebenso sollten wir Proteste und Aktionen nutzen, um Menschen anzusprechen und sie auf das Solidaritätsnetzwerk aufmerksam zu machen. Denn oft werden Menschen auch zuerst zu „allgemeinpolitischen“ Themen, wie gegen Krieg oder Faschismus aktiv, bevor sie anfangen sich auch gegen die Ausbeutung auf ihrer Arbeit oder durch ihren Vermieter zu wehren.

Unser allgemeinpolitischer Ansatz ist ein wichtiger Pfeiler unserer politischen Identität als Solidaritätsnetzwerk. Unser Kampf ist nicht nur auf das unmittelbare hier und jetzt, nicht nur auf einzelne Themenfelder begrenzt, sondern wir stellen uns bewusst in den Kontext einer zu schaffenden breiteren Arbeiter:innenbewegung gegen kapitalistische Ausbeutung und eine solidarische Gesellschaft!

6. Solidarität heißt das Alleinsein durchbrechen

Der Kapitalismus macht einsam und oft auch depressiv. Das belegen zahlreiche psychologische Studien und viele kennen es selber aus ihrem Alltag. So fand eine Studie der Universität Osnabrück, dass der neoliberale Gedanke des Wettbewerbs und individueller Verantwortung Menschen dazu bringt, sich eher in Konkurrenz zu anderen zu sehen und sich wenig von ihren sozialen Gruppen unterstützt zu fühlen.1Einsamkeit lähmt und deswegen ist es ein wichtiger Teil unserer Arbeit sie zu durchbrechen.

Nicht alle Probleme werden sich in Form kurzfristiger Kampagnen lösen lassen. Ganz im Gegenteil! Gerade wenn wir dauerhaft etwas verändern wollen, an unseren Arbeitsplätzen oder unseren Mietverhältnissen, an dem Gesellschaftssystem, in dem wir leben, dann müssen wir auch dauerhaft die Machtverhältnisse ändern. Das heißt: Betroffene zusammenbringen, politisieren und uns als Klasse gemeinsam organisieren.

Deswegen sollten wir auch nicht die Bedeutung von „Stammtischen“ und Nachbarschaftsräten unterschätzen, bei dem Menschen in der gleichen Lebenslage regelmäßig zusammenkommen und sich gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite stehen. Beispielsweise als regelmäßiger Austausch zwischen Menschen eines Viertels, eines Berufszweiges oder einer ähnlichen Lebensrealität.

Auch wenn wir nicht in die Rolle von Sozialarbeiter:innen abgleiten dürfen, gilt es dennoch eine Kultur der Solidarität zu etablieren. Ein offenes Ohr bei persönlichen Krisen zu haben oder eine helfende Hand bei Umzügen anzubieten, sollte für jeden, der dauerhaft eine große Gruppe von Menschen zusammenbringen will, selbstverständlich sein. Ebenso macht es Sinn, regelmäßig kulturelle Feste und Zusammenkünfte zu organisieren, bei der wir unsere Siege und auch einfach die aufgebaute gemeinschaftlich feiern können.

Mit einem gewissen Wachstum können wir auch konkrete solidarische Unterstützungsangebote schaffen. Dazu können z.B. Lebensmittelausgaben oder kostenlose Hausaufgabenhilfe gehören. Dabei gilt es jedoch darauf zu achten nicht eine „Wohlfahrt“ zu werden, sondern ein Projekt gegenseitiger Hilfe aufzubauen, bei der die gemeinsame politische Diskussion und Organisierung immer ein Teil der materiellen Unterstützung sein sollte.

7. Bildungsarbeit

Der Kapitalismus versorgt uns statt mit wirklicher Bildung mit Märchen und Geschichten über „Schmarotzer“ wie in der BILD oder dem so genannten „Unterschichtfernsehen“ auf RTL und Pro7. Das heißt konkret, dass wir uns selbst Wege schaffen müssen, uns zu bilden.

Wir sind davon überzeugt, dass eine regelmäßige Bildungsarbeit von Anfang an Teil einer Solidaritätsnetzwerk-Arbeit sein sollte. Wir stehen auch in dieser Hinsicht noch am Anfang und werden richtige Schulungskonzepte dafür entwickeln müssen. Dabei soll nicht das Studium trockener Theorie im Mittelpunkt stehen, sondern eine lebendige Bildung, welche den Menschen hilft, ihre Situation und das System in dem sie leben besser zu verstehen.

Dabei sollten wir die folgenden drei verschiedenen Bereiche der Bildungsarbeit abdecken:

7.1. Geschichte der Arbeiter:innenbewegung und Marxismus

Vielleicht fühlt es sich heute nicht so an, aber gerade die Arbeiter:innenbewegung in Deutschland hat eine unglaublich reiche Geschichte. Über Jahrzehnte galt sie weltweit als die fortschrittlichste und stärkste Arbeiter:innenbewegung überhaupt. Auch die Erfahrungen des Sozialismus in der Sowjetunion sind ein Teil dieser Geschichte. Ebenso wie die historischen Entwicklungen und Kämpfe in der BRD und der DDR.

Der Marxismus ist und bleibt die richtige theoretische Grundlage für die Arbeiter:innenbewegung zur Schaffung einer neuen solidarischen Gesellschaft. Doch dafür müssen wir ihn studieren, entsprechend der heutigen Bedingungen weiterentwickeln und anwenden.

7.2. Die aktuellen politischen Entwicklungen

Wenn wir Politik machen wollen, müssen wir uns mit der konkreten Realität und den aktuellen Entwicklungen auseinandersetzen, um zu bestimmen, wie wir eingreifen können. Dafür sind solche Informationen wichtig, welche uns die realen Probleme und mögliche Lösungswege erkennen lassen.

Das Medienprojekt Perspektive (www.perspektive-online.net) bietet uns dafür durch seine Arbeit eine gute Grundlage. Auf der Internetseite erscheinen täglich Nachrichten und Meinungen, die in den Meldungen der Medienkonzerne nicht auftauchen oder untergehen.

7.3. Schulung und Austausch von Erfahrungen

Was auch immer wir uns mit dem Solidaritätsnetzwerk vornehmen, wir werden schnell feststellen, dass wir die eine oder andere theoretische und praktische Fähigkeit benötigen, um unsere Ziele zu erreichen.

Das geht von einem bestimmten Fachwissen bis zum Poster designen. Ja sogar dazu, wie wir neue Leute ansprechen und für unsere Arbeit interessieren, oder eine Kampagne zu organisieren kann es sich lohnen eine Schulung zu machen, um Erfahrungen, die es bereits im Solidaritätsnetzwerk gibt, weiterzugeben.

8. Wie organisiert sich ein Solidaritätsnetzwerk?

Wenn ihr mit der Arbeit beginnt, seid ihr wahrscheinlich noch nicht viele und ein einfaches regelmäßiges Treffen mit allen ist die naheliegendste Organisationsform. Dort können wichtige Entscheidungen getroffen werden. Zum Beispiel: „Mischen wir uns um den Kampf gegen die Zwangsräumungen in Viertel X ein?“ oder „Wollen wir mindestens einen Monat lang Flugblätter vor dem Betrieb von unserem Mitstreiter Y zu verteilen?“.

Stellt dazu eine Tagesordnung auf, bestimmt eine Moderation und führt ein Protokoll, in dem alle wichtigen gemeinsamen Beschlüsse aufgezeichnet werden. Bei eurem nächsten Treffen könnt ihr dann sehen ob alle Verabredungen durchgeführt wurden.

Auch die Ansprache und Organisierung neuer Aktivist:innen muss eine Rolle auf den Treffen spielen. Das wahrscheinlich wichtigste Mittel, um Menschen zu organisieren ist die direkte Kontakt-Arbeit in eins-zu-eins Gesprächen. Das bedeutet, dass wir zu Menschen, die Interesse am Solidaritätsnetzwerk haben – und auch die, die schon mitmachen – regelmäßigen Kontakt halten. Dass wir uns mit ihnen persönlich treffen, um zu hören, was sie beschäftigt, wie sie die Arbeit des Solidaritätsnetzwerk finden, an welchen Aktivitäten sie mitmachen möchten, mit ihnen politisch zu diskutieren usw. Am besten sammelt ihr die Kontakte kollektiv, damit niemand vergessen wird und ladet sie zu zukünftigen Treffen und Aktionen ein.

Unserer Erfahrung nach besteht die Kunst darin, die regelmäßigen Treffen in großer Runde nicht zu überladen. Das Solidaritätsnetzwerk soll Menschen offenstehen, die nicht an stundenlangen Diskussionen Interesse haben und auch solchen, die zum Beispiel Kinder haben oder am nächsten Tag früh zur Arbeit müssen. Deswegen gilt es flexibel, Arbeitsgruppen zu bilden, um einzelne Aufgaben auszuführen (bspw. die Gestaltung eines Plakats, das Aufstellen der Forderungen), die vom Gesamttreffen kontrolliert und geleitet werden.

So entsteht ein System, in dem sich jede und jeder mit den eigenen Fähigkeiten und Interessen einbringen kann, so viel sie oder er möchte, bei dem aber auch die Hürde überhaupt Teil des Solidaritätsnetzwerks zu sein, möglichst niedrig bleibt.

Dabei müssen wir uns klar machen, dass es immer verschiedene Aktivitätsgrade geben wird. Es wird sowohl solche Menschen geben, die einen großen Teil ihrer Energie und Zeit in die Arbeit des Solidaritätsnetzwerk stecken werden, solche die gerne unterstützen, aber unregelmäßig dabei sind und solche die nur informiert bleiben wollen. Wir müssen darauf schauen, dass wir für die verschiedenen Grade der Aktivität verschiedene Möglichkeiten schaffen, wie man mitmachen kann.

Wir werden die Art, wie wir uns organisieren, ständig anpassen müssen, wenn wir unsere Arbeit weiterentwickeln und ausweiten. Bei größeren Gruppen kann es Sinn machen eine Leitung zu bestimmen, welche die Arbeit des örtlichen Solidaritätsnetzwerks koordiniert. Für solch eine Leitung eignen sich Menschen mit geeigneten Erfahrungen oder Fähigkeiten und solche, die besonders viel Energie in die Arbeit des Solidaritätsnetzwerks stecken wollen.

Es ist auch sehr gut vorstellbar, dass wir in Zukunft Teilgruppen organisieren zum Beispiel für Leiharbeiter:innen, Arbeitslose oder Alleinerziehende. Alle Bereiche des Solidaritätsnetzwerks zusammenzuführen, bleibt aber auch in so einer Situation notwendig.

Momentan gibt es neben den lokalen Treffen eine bundesweite Koordination. In dieser Koordination findet ein ständiger Austausch statt über die Entwicklung in den verschiedenen Städten, Erfahrungen werden ausgetauscht und gegenseitige Unterstützung über Städtegrenzen hinaus, sowie gemeinsame bundesweite Kampagnen werden organisiert.

9. Schluss: Wo wir stehen und wie du mitmachen kannst!

Das Solidaritätsnetzwerk in Deutschland ist noch im Aufbau und auch dieser Leitfaden wird deswegen immer wieder überarbeitet werden.

Zögere nicht dich zu melden, wenn du mitmachen willst! Es gibt eine Koordination für unsere Arbeit, an der sich jede neue Stadt beteiligen kann. Dort stehen wir im täglichen Austausch und können dich in der Arbeit unterstützen. Du bist nicht alleine!