Leitfaden Wie man ein Solidaritätsnetzwerk aufbaut

Wir haben einen Leitfaden mit dem Titel „Wie man ein Solidaritätsnetzwerk aufbaut“ (PDF) veröffentlicht.
Der Text richtet sich an alle, die mehr über unsere Arbeit und unser Konzept erfahren wollen oder sich an unserer Arbeit beteiligen wollen.

Den Text findet ihr auch hier:

1. Die Idee des Solidaritätsnetzwerks

Überall in Deutschland finden wir Menschen mit den selben Interessen und Problemen. Die Idee des Solidaritätsnetzwerk ist es diese Menschen zusammen zu bringen und gemeinsame Kämpfe gegen die Auswirkungen des Kapitalismus zu führen. Was in diesem Land fehlt, ist eine Organisation, die sich ganz klar auf die Seite der Arbeiterinnen und Arbeiter, der unterdrückten Frauen und Migrantinnen und Migranten stellt und für die Verteidigung ihrer Rechte und die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen kämpft. Deswegen stehen für uns die Probleme im Vordergrund, die sich auf die grundsätzlichen Ungerechtigkeiten dieses Leben zurückführen lassen z.B.: Unbezahlte Überstunden, nicht ausgezahlter Lohn, Lohnsenkungen, Schikane beim Arbeits- oder Ausländeramt, Wohnungskündigung usw. Im Zentrum stehen also nicht persönliche Schicksalsschläge, sondern Probleme, die wir aufgrund unserer Lage als Arbeiterinnen und Arbeiter haben. Diese Probleme die uns verbinden, wollen wir gemeinsam bekämpfen.

Wichtig ist uns, dass das Solidaritätsnetzwerk nicht einfach eine Art Beratungsstelle oder „Rechtsversicherung“ ist; es geht uns z.B. nicht in erster Linie darum, etwaige illegale Kündigungen vor Gericht abzuwehren. Wir sind überzeugt, dass wir uns selber aus unserer Lage helfen müssen und nicht auf Stellvertreter verlassen dürfen. Darum schließen wir uns zusammen und kämpfen gemeinsam gegen all das was unseren Interessen entgegensteht.

Die Gesetze in Deutschland bevorzugen nur allzu oft Unternehmer, Vermieter oder eben den Staat; oft fehlt uns ohnehin das Geld für einen langen und aufreibenden Rechtsstreit: Der Erfolg für Unternehmer, Vermieter usw. ist sozusagen vorprogrammiert. Unser Ansatz ist deswegen ein anderer. Wir richten uns an Menschen, die sich gegen die Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfahren, zur Wehr setzen wollen.

Das Solidaritätsnetzwerk setzt sich dabei den Anspruch, ein Anlaufpunkt der kollektiven Organisierung zu sein. Es ist keine Organisation, die sich nur für schlechte Arbeitsbedingungen interessiert, Arbeitslose unterstützt oder auf Konflikte mit dem Vermieter beschränkt. Genauso wollen wir die direkten Problem in unserer Nachbarschaft und unserem Viertel angehen und gemeinsam lösen. Nicht der Staat, Gerichte oder sonstige Institutionen, sondern unsere gemeinsame Kraft ist das worauf wir vertrauen.

In unserem Netzwerk stehen wir nicht mehr alleine da, sondern gemeinsam mit Menschen, die in der gleichen oder einer ähnlichen Lage wie wir sind. Wir sind in verschiedenen Städten und Regionen Deutschlands aktiv, und können uns auch überregional unterstützen.

In einigen Ländern gibt es seit Jahren zahlreiche positive Erfahrungen mit Stadtteilräten oder -versammlungen, in denen sich die BewohnerInnen eines Viertels kollektiv organisieren, um ihre Problem selber lösen. Es ist also ein Konzept, was schon Erfolge vorzuweisen hat, nun gilt es für uns diese positiven Erfahrungen kreativ auf die Bedingungen in Deutschland zu übertragen.

Wenn du interessiert an dieser Arbeit bist, wollen wir dir auf den folgenden Seiten unsere Grundgedanken vorstellen.

2. Was braucht man für ein Solidaritätsnetzwerk?

Die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass wir weniger brauchen, als man denken könnte.

Es ist auf jeden Fall gut, nicht ganz allein zu sein. Eine kleine Gruppe (zwei bis drei Personen reichen für den Anfang!), die von der Idee überzeugt ist, ist wohl die wichtigste Voraussetzung. Wir brauchen auf jeden Fall einen langen Atem und auch ein bisschen Frustrationstoleranz. Nicht alles wird von Anfang an klappen. Auch solltet ihr den Willen haben, an der Ausbeutung und Unterdrückung grundlegend etwas zu verändern.

Was wir dagegen nicht unbedingt brauchen:

  • Große Geldmittel! Wir haben festgelegt, dass alle die beim Solidaritätsnetzwerk mitmachen wollen, einen kleinen Mitgliedsbeitrag zahlen müssen, wenn dieser regelmäßig eingesammelt wird, haben wir schon eine Basis für unsere ersten Aktionen und Aktivitäten.
  • Eigene Räumlichkeiten! Denn es gibt in fast allen Städten eine Vielzahl von Gebäuden, die wir für den Anfang nutzen können. Stadtteil- und Jugendzentren bieten sich hierfür an. Auch können öffentliche Orte und Privatwohnungen für den Anfang genutzt werden.
  • Juristisches Wissen oder anderes Fachwissen! Natürlich werden wir mit Problemen in Kontakt kommen, bei denen sich uns Fragen stellen, die wir klären müssen, um zu bestimmen, wie wir vorgehen wollen. Aber das heißt nicht, dass wir Experten in unserer Gruppe brauchen, ein Grundwissen kann man sich schnell im Internet anlesen und zu den meisten Fragen (Mietrecht, Hartz IV, Arbeitsrecht) gibt es kostenlose oder günstige Beratungsstellen. Diese können und wollen wir nicht ersetzen.

3. Warum ArbeiterInnen, Frauen, MigrantInnen und Jugendliche?

Gleich am Anfang in unserem Selbstverständnis steht:
„Das Solidaritätsnetzwerk ist ein Zusammenschluss von ArbeiterInnen, Arbeitslosen, Frauen, MigrantInnen und Jugendlichen zur gemeinsamen Verteidigung und Durchsetzung unserer Interessen und Rechte.“

Vielleicht stellt sich euch die Frage, warum gerade diese Aufzählung?
Das wichtigste am Kapitalismus ist die Teilung der Gesellschaft in Klassen. Eine Minderheit, die großen Unternehmer kontrollieren die Produktion und den Handel, sie beuten fast den ganzen Rest der Gesellschaft aus. Der Großteil der Gesellschaft besteht aus Arbeiterinnen und Arbeitern, die für andere arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese beiden Klassen haben entgegengesetzte Interessen und das Ziel des Solidaritätsnetzwerks ist es, dass wir die Interessen unserer Klasse durchsetzen – also erfolgreiche Klassenkämpfe führen.

Nun nimmt die Ausbeutung aber unterschiedliche Formen an und wir werden auf unterschiedliche Weise unterdrückt.

Als ArbeiterInnen oder Angestellte arbeiten wir für Lohn. Die Unternehmer haben ganz klare wirtschaftliche Interessen: Weniger Lohn, längere Arbeitszeiten und dass wir schneller arbeiten. Unsere Interessen als ArbeiterInnen sind genauso klar: Höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, keine Überstunden und weniger Stress bei der Arbeit. Das heißt unser Arbeitsplatz ist ein wichtiger Ort, an dem der Klassenkampf stattfindet.

Aber es ist nicht das einzige Problem, das wir erleben. Viele ArbeiterInnen werden arbeitslos, manche nur für ein paar Monate, andere bleiben es jahrelang. Als Arbeitslose sind wir schnell mit anderen Problemen als am Arbeitsplatz konfrontiert: Wie finden wir wieder Arbeit? Wie verhindern wir Sanktionen beim Jobcenter? Wie kommen wir mit Hartz IV über die Runden? Das Jobcenter ist also ein weiterer Ort des Klassenkampfs.

Natürlich werden auch die meisten Frauen als Arbeiterinnen oder Angestellte ausgebeutet. Aber die Ausbeutung ist hier besonders stark, denn Frauen bekommen in Deutschland durchschnittlich immer noch 23% weniger Lohn als Männer. Wenn sich Frauen wehren wollen, kommt oft genug hinzu, dass sie erst mal einen Kampf in den eigenen vier Wänden führen müssen: Hausarbeit und Kindererziehung wird noch immer als „Frauensache“ betrachtet und nach dem Arbeitstag müssen Frauen nur zu häufig für ihren Partner weiterarbeiten. Das heißt für Frauen kommt eine besondere Unterdrückung zur Ausbeutung als Arbeiterin hinzu. Sie werden in allen Bereichen des Lebens diskriminiert, sind Belästigungen und Angriffen ausgesetzt. Gegen diese Unterdrückung müssen sie sich zusammenschließen und wehren.

MigrantInnen, ihre Kinder und Enkel sind mit dem Rassismus in Deutschland konfrontiert. Weil sich die rechte Bewegung stärkt, sind sie zunehmend Angriffen ausgesetzt bis hin zu offenem Terror und der Gefahr, schwer verletzt oder ermordet zu werden. Auch ihre Löhne sind häufig niedriger und es ist für sie erwiesenermaßen schwieriger Ausbildungsstellen, Jobs und Wohnungen zu bekommen. Einige MigrantInnen haben besondere Probleme, weil sie von Abschiebungen bedroht sind. Sie müssen also besondere Kampf- und Organisationsformen entwickeln.

Jugendliche sind meistens noch in der Ausbildung. Nach dem Motto „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ heißt das für viele an oder unter der Armutsgrenze zu leben. SchülerInnen und Studierende müssen sich ihren Weg durch das Bildungssystem bahnen, das für Kinder aus ArbeiterInnenfamilien manchmal nicht viel mehr zu bieten hat, als zu lernen, wie man Hartz-4-Anträge ausfüllt. Jugendliche verbringen einen Großteil ihrer Zeit noch anders als erwachsene ArbeiterInnen und deswegen macht es auch Sinn, dass sie selbst für ihre Interessen eintreten – in Schule und Betrieb, in Stadtteil und Universität.

Wir sind eine Klasse, aber unser Leben und unsere Probleme sind zum Teil recht unterschiedlich. So unterschiedlich, dass manch einer behauptet, es gäbe überhaupt keine ArbeiterInnenklasse mehr. Das halten wir für Quatsch! Letztlich werden wir alle in diesem kapitalistischen System ausgebeutet, unser Feind ist damit der selbe, lediglich die Formen, in denen wir den Klassenkampf führen werden unterschiedlich sein. Deshalb ist unsere Vision ein Solidaritätsnetzwerk. Ein Netzwerk zwischen den verschiedenen Teilen der ausgebeuteten und unterdrückten Menschen, die sich für den Kampf für ihre Interessen zusammenschließen, sich aber zugleich gegenseitig solidarisch unterstützen und nie vergessen, dass wir alle Teile einer Klasse sind.

4. Wo organisieren wir Aktionen und Solidarität?

Die einfache Antwort: Überall dort wo es nötig ist. Die Erfahrungen der ArbeiterInnenbewegung zeigen, dass wir immer Organisationen brauchen, um unsere Interessen zu verteidigen. Das Solidaritätsnetzwerk ist deswegen sehr flexibel: Es kann in Betrieben, in Stadtvierteln, Flüchtlingslagern, Schulen und Universitäten aktiv werden.

Wir stehen mit dieser Arbeit noch am Anfang, deswegen gehen wir davon aus, dass wir als erstes Solidaritätsnetzwerke überall dort wo wir leben und arbeiten gründen müssen. Gerade in größeren Städten kann es dabei sinnvoll sein, sich auf bestimmte Stadtteile oder Bezirke zu konzentrieren. Zum Beispiel solche, in denen besonders viele Menschen in der gleichen Lage wie wir leben.

5. Womit beginnen?

Wir können hier keine allgemeingültigen Antworten oder Rezepte vorgeben. Je nach den Bedingungen bei euch vor Ort, müssen andere Lösungen gefunden werden. Wenn ihr eine Gruppe seid, die schon immer gemeinsam mit anderen Widerstand gegen den alltäglichen Wahnsinn dieses Systems leisten wolltet, ist das eine Situation. Eine völlig andere ist es, wenn ihr diesen Text lest, weil ihr bereits ein konkretes Problem habt, und nach Möglichkeiten sucht, wie ihr gemeinsam mit anderen eure Interessen durchsetzen könnt.

5.1. Analyse der eigenen Stadt/des eigenen Viertels

In vielen Fällen haben wir jedenfalls positive Erfahrungen gemacht, es nicht gleich zu überstürzen und sich am Anfang ein paar Gedanken über die eigene Stadt, das Viertel, die Schule oder den Betrieb zu machen, in dem wir arbeiten wollen.

Leitfragen für einen Stadtteil könnten zum Beispiel sein:

Was sind die Besonderheiten meiner Stadt/ meines Stadtviertels?

Welche Betriebe gibt es?

Wie setzt sich die Bevölkerung zusammen? Einkommen, Alter, Berufe, Herkunft?

Lebe ich in einer sich wirtschaftlich entwickelnden Region oder Großstadt oder in einer „sterbenden“ Region (ländliche Gegend, Regionen, aus denen die Wirtschaft wegzieht)?

Was sind die größten Probleme? Was prägt das Bewusstsein der Menschen?

 

Um uns mit diesen Fragen auseinanderzusetzen haben wir bis jetzt vor allem mit zwei Methoden gearbeitet:

1. Gemeinsame Recherche

Legt eine Aufgabenteilung fest und sucht im Internet, Bibliotheken oder Zeitungen nach Informationen zu den Fragen, die ihr euch stellt. Interessant dürfte dabei ein Blick auf 1. Statistiken (werden von den meisten Städten im Internet zur Verfügung gestellt), 2. die Entwicklung eures Viertels und 3. zum Beispiel Wahlergebnisse sein.

2. Aktivierende Befragung

Eine aktivierende Befragung ist ein erster Schritt, um einen besseren Eindruck von den Problemen, der Stimmung und dem Bewusstseinsstand in der Stadt/dem Stadtteil/dem Betrieb, den ihr euch ausgeguckt habt zu bekommen. Die Idee ist einfach: Wir bereiten uns mit ein paar Fragen vor, treten auf die Menschen zu und bitten sie, ein kurzes Gespräch mit uns zu führen. Wir haben diese Methode schon in mehreren Städten ausprobiert und waren durchweg positiv von den Ergebnissen überrascht. Es waren mehr Menschen als wir erwartet hatten, bereit mit uns zu sprechen und die Gespräche dauerten häufig länger, als wir dachten – offensichtlich weil viele Menschen über die Fragen, die wir stellten sprechen wollen. In vielen Fällen konnten wir gleich am Ende Kontakte mit den InterviewpartnerInnen austauschen, weil sie Interesse an unserer Arbeit gewonnen hatten und selbst gerne aktiv werden würden.

Fragen, die wir benutzt haben, waren zum Beispiel:

1. Kommst du aus XY?

2. Wo arbeitest du/gehst du zur Schule etc.?

3. Wie siehst du die Situation in deiner Stadt im Vergleich zum Rest Deutschlands?

4. Welche Probleme siehst du in deinem Stadtteil?

5. Fühlst du dich als Frau unterdrückt? (Diese Frage wird natürlich nur an Frauen gestellt)

6. Wärst du selber bereit aktiv zu werden, wenn wir etwas gegen diese Situation unternehmen wollen?

Wenn ihr Interesse an unseren Fragebögen habt, dann meldet euch unter info@soli-net.de

5.2. Wie gewinnt man Menschen für das Solidaritätsnetzwerk?

Ob ihr nun zwei Personen seid oder eine Gruppe mit zehn festen Mitgliedern: Auch eure eigene Lage genauer zu betrachten macht viel Sinn. Eine der größten Schwierigkeiten wird sein, Menschen zu finden, die bereit sind einen Konflikt einzugehen und auszutragen. Also müssen wir selbst die ersten Schritte machen.

Welche Kontakte haben wir?

Wo arbeiten wir? Welche Probleme haben wir selbst?

Wo brauchen wir Hilfe?

Das heißt nicht unbedingt, dass wir partout einen Streik anzetteln müssen, obwohl in unserem Betrieb eigentlich alle ganz zufrieden sind. Das würde sowieso nicht klappen. Aber wenn wir glauben, dass die Arbeitslosen in unserer Stadt ständig beim Amt über den Tisch gezogen werden, dann können wir uns sicher sein, dass diejenigen von uns, die selbst arbeitslos sind, einen Zugang zu diesem Thema und zu den Betroffenen finden werden. Doch bereits am Anfang muss klar sein, wir sind keine Beratungsstelle, kein Dienstleister, sondern eine Organisation zum Erkämpfen unserer kollektiven Rechte.

Wir haben schon berichtet, dass wir bei unseren Befragungen auf sehr viel Interesse gestoßen sind und diese selbst ein gutes Mittel waren, um einen Grundstock von Mitgliedern oder UnterstützerInnen im Solidaritätsnetzwerk zu schaffen. Wichtig dabei ist, dass wir leicht ansprechbar sind, dass wir per Handy, sozialer Medien und auf der Straße erreichbar für interessierte Menschen sind.

5.3. Kämpfe führen und unsere Interessen durchsetzen

Wir haben ganz am Anfang geschrieben, das Solidaritätsnetzwerk ist dafür da, den Klassenkampf zu führen also unsere Interessen durchzusetzen. Wir sind keine große Gewerkschaft mit Millionen Euro in der Streikkasse. Auch wenn das Solidaritätsnetzwerk ständig wächst und mehr Städte dazu kommen, sind wir auch weit davon entfernt in ganz Deutschland MitstreiterInnen zu haben.

Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht wehren könnten. Wir werden im kleinen anfangen und mit unserer Organisation, werden auch unsere Kämpfe und die von uns erreichbaren Ziele wachsen. Dabei ist uns klar, dass viele unserer heutigen Probleme nicht in diesem System gelöst werden können. Ist das für uns ein Grund zu resignieren und die Hände in den Schoß zu legen? Natürlich nicht!

Mit jedem erfolgreichen und noch so kleinem Kampf wird unser Bewusstsein, unsere Organisiertheit und unsere Anzahl wachsen. Jeder Erfolg, den wir gegen Vermieter, Bosse, Beamte und im Viertel erringen, lässt unseren Erfahrungsschatz wachsen und hilft uns neue Herausforderungen zu meistern.

Wie geht das? Es ist ein Interessenkonflikt, den wir gewinnen wollen. Unsere Interessen stehen gegen die von Bossen, Vermietern, Beamten und Staat. Um erfolgreich sein zu können, brauchen wir immer einen Plan. Solch ein Plan sollte bestehen aus Ziel, Strategie und Druckmitteln. Obendrauf die Flexibilität, den Plan anzupassen, wenn nötig.

Was ist unser Ziel?

Z.B.: Dass Kündigungen zurückgenommen werden, eine Zwangsräumung verhindern, eine Abschiebung verhindern, dass endlich Frauen die gleichen Löhne wie Männer in einem Betrieb bekommen, dass die Überstunden bezahlt werden, dass es saubere Spielplätze und nachbarschaftliche Selbstorganisation im Stadtteil gibt.

Wer sind unsere Gegner?

Die Frage ist dabei, wer kann unsere Forderung erfüllen und wer ist für unsere Situation verantwortlich. Oft ist das einfach zu beantworten: Vermieter, Arbeitgeber, staatliche Behörden.

Welche Druckmittel haben wir, um unser Ziel zu erreichen?

Manchmal ist schon alleine eine Forderung zu stellen ausreichend, um soviel Druck aufzubauen, dass die Forderungen erfüllt werden. Meistens, weil sich unsere Gegner erhoffen, dass sie die Sache damit runter kochen können. Für einige Unternehmen, Vermieter und Behörden ist ein Image-Schaden (z.B. durch Flugblätter vor ihren Geschäften, Plakaten oder ähnlichem) ein großes Problem. Andere wiederum wie Amazon nehmen das offensichtlich bewusst in Kauf. Natürlich gilt, je mehr Betroffene vom gleichen Problem wir zusammenschließen, desto stärker sind wir. Das Solidaritätsnetzwerk hat sich keine Grenzen gesetzt, was seine Kampfformen betrifft. Wir werden kreativ sein, um die Aktionsformen zu finden, mit denen wir unsere Interessen durchsetzen können. Warum nicht einen Streik organisieren? Warum nicht Nachbarschaftsräte gründen, um die Probleme im Stadtteil kollektiv anzugehen?

Welche MitstreiterInnen und Verbündeten können wir gewinnen?

Zunächst sind das natürlich all jene Menschen, die von dem Problem unmittelbar betroffen sind. Die NachbarInnen im selben Haus, der Straße und dem Viertel. Die KollegInnen im selben Betrieb, in der Schule oder in der Uni.

Gibt es andere Organisationen, die unsere Interessen teilen oder über unseren Kampf berichten und somit den Druck erhöhen können (Journalisten, Verbände, Vereine etc.)? Von denen wir Materialien für unsere Aktionen ausleihen können (Druckmaschine, Tische, Megafon etc.)?

Wenn diese Fragen beantwortet sind, können wir einen „Schlachtplan“ aufstellen: Womit fangen wir an? Zunächst werden wir klar benennen, wen wollen wir aktiv in den Kampf mit einbeziehen, wie sieht unsere Öffentlichkeitsarbeit aus und welche Aktionen können wir durchführen.

Unser Plan darf nicht auf leeren Drohungen basieren, sondern muss auf Dingen aufbauen, die wir tatsächlich bereit sind zu tun und er sollte nicht unser größtes Druckmittel gleich an den Anfang setzen. Ebenso sollten wir klar haben, wie weit wir gehen, wenn wir einen Kampf nicht zu 100% für uns entscheiden können.

Es geht uns nicht in erster Linie darum die einzelnenKämpfe für uns zu entscheiden, sondernviel mehr darum, das Gefühl der Hilflosigkeit zu durchbrechen und die Menschen anhand ihrer eigenen Lebensrealität zu aktivieren und zu politisieren. Unser Ziel ist es, sie zu dauerhaften Teilen des Solidariätsnetzwerks zu machen.

5.4. Solidarität heißt das Alleinsein durchbrechen

Der Kapitalismus macht einsam und oft auch depressiv. Das belegen zahlreiche psychologische Studien und viele kennen es selber aus ihrem Alltag. Einsamkeit lähmt und deswegen ist es ein wichtiger Teil unserer Arbeit sie zu durchbrechen.

Nicht alle Probleme werden sich in Form kurzfristiger Kampagnen lösen lassen. Ganz im Gegenteil! Gerade wenn wir dauerhaft etwas verändern wollen, an unseren Arbeitsplätzen oder unseren Mietverhältnissen, an dem Gesellschaftssystem in dem wir leben, dann müssen wir auch dauerhaft die Machtverhältnisse ändern. Das heißt, Betroffene zusammenbringen, politisieren und als Klasse organisieren.

Deswegen sollen wir auch nicht die Bedeutung von „Stammtischen“ und Nachbarschaftsräten unterschätzen, bei dem Menschen in der gleichen Lebenslage regelmäßig zusammen kommen und sich gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite stehen. Beispielsweise als regelmäßiger Austausch zwischen Menschen eines Viertels, eines Berufszweiges (PflegerInnen, Verkäufer, Gastronomie) oder einer Lebensrealität (Alleinerziehende, Arbeitslose).

Auch wenn wir nicht in die Rolle von SozialarbeiterInnen abgleiten dürfen, gilt es selbstverständlich eine Kultur der Solidarität zu etablieren. Ein offenes Ohr bei persönlichen Krisen zu haben oder eine helfende Hand bei Umzügen anzubieten, sollte für jeden, der dauerhaft eine große Gruppe von Menschen zusammenbringen will, selbstverständlich sein.

5.5. Bildungsarbeit

Das uns der Kapitalismus statt mit wirklicher Bildung mit Märchen und Geschichten über „Schmarotzer“ wie in der BILD oder dem so genannten „Unterschichtfernsehen“ auf RTL und Pro7 versorgt, ist ein wichtiger Teil unserer Lage. Es heißt konkret, dass wir uns selbst Wege schaffen müssen, uns zu bilden.

Wir sind davon überzeugt, dass eine regelmäßige Bildungsarbeit von Anfang an Teil einer Solidaritätsnetzwerk-Arbeit sein sollte. Wir stehen auch in dieser Hinsicht noch am Anfang und werden richtige Schulungskonzepte dafür entwickeln müssen. Dabei soll nicht das Studium trockener Theorie im Mittelpunkt stehen, sondern eine lebendige Bildung, welche den Menschen hilft, ihre Situation und das System in dem sie leben besser zu verstehen.

Für den Moment glauben wir aber, dass es drei Bereiche von Bildungsarbeit gibt, die wir abdecken müssen:

1. Geschichte der ArbeiterInnenbewegung und Marxismus

Vielleicht fühlt es sich heute nicht so an, aber gerade die ArbeiterInnenbewegung in Deutschland hat eine unglaublich reiche Geschichte. Über Jahrzehnte galt sie weltweit als die fortschrittlichste und stärkste ArbeiterInnenbewegung überhaupt. Auch die Erfahrungen des Sozialismus in der Sowjetunion sind ein Teil dieser Geschichte. Ebenso wie die historischen Entwicklungen und Kämpfe in der BRD und der DDR.

Der Marxismus ist und bleibt die richtige theoretische Grundlage für die ArbeiterInnenbewegung, auch wenn wir ihn natürlich entsprechend der heutigen Bedingungen weiterentwickeln müssen.

2. Die aktuellen politischen Entwicklungen

Wenn wir Politik machen wollen, müssen wir uns mit der konkreten Realität und den aktuellen Entwicklungen auseinandersetzen, um zu bestimmen, wie wir eingreifen können. Das Medienprojekt Perspektive (www.perspektive-online.net) bietet uns dafür durch seine Arbeit eine gute Grundlage. Auf der Internetseite erscheinen täglich Nachrichten und Meinungen, die in den Meldungen der Medienkonzerne nicht auftauchen oder untergehen.

3. Schulung und Austausch von Erfahrungen

Was auch immer wir uns mit dem Solidaritätsnetzwerk vornehmen, wir werden schnell feststellen, dass wir die ein oder andere theoretische und praktische Fähigkeiten benötigen, um unsere Ziele zu erreichen. Das geht von einem bestimmten Fachwissen bis zum Poster designen. Ja sogar dazu, wie wir neue Leute ansprechen und für unsere Arbeit interessieren, kann es sich lohnen eine Schulung zu machen, um Erfahrungen, die es bereits im Solidaritätsnetzwerk gibt, weiterzugeben.

5.6. Wie organisiert sich ein Solidaritätsnetzwerk?

Keine Organisation mit dem Anspruch die Machtlosen zu ermächtigen kommt ohne regelmäßige Diskussionen, eine Struktur und eine Arbeitsteilung aus.

Wenn ihr mit der Arbeit beginnt, seid ihr wahrscheinlich noch nicht viele und ein einfaches regelmäßiges Treffen mit allen ist die naheliegendste Organisationsform. Dort können wichtige Entscheidungen getroffen werden. Zum Beispiel: „Mischen wir uns um den Kampf gegen die Zwangsräumungen in Viertel X ein?“ oder „Verpflichten wir uns alle mindestens einen Monat lang Flugblätter vor dem Betrieb von unserem Mitstreiter Y zu verteilen?“

Unserer Erfahrung nach besteht die Kunst darin, solche Treffen nicht zu überladen. Das Solidaritätsnetzwerk soll Menschen offen stehen, die nicht an stundenlangen Diskussionen Interesse haben und auch solchen, die zum Beispiel Kinder haben oder am nächsten Tag früh zur Arbeit müssen. Deswegen gilt es flexibel, Ausschüsse zu bilden, um einzelne Aufgaben auszuführen (bsp. die Gestaltung eines Plakats, das Aufstellen der Forderungen), die vom Gesamttreffen kontrolliert und geleitet werden.

So entsteht ein System, in dem sich jede und jeder mit den eigenen Fähigkeiten und Interessen einbringen kann, so viel sie oder er möchte, aber auch die Hürde überhaupt Teil des Solidaritätsnetzwerks zu sein, möglichst niedrig bleibt.

Wir werden die Art, wie wir uns organisieren, ständig anpassen müssen, wenn wir unsere Arbeit weiterentwickeln und ausweiten. Es kann Sinn machen eine Leitung zu bestimmen, welche die Arbeit des örtlichen Solidaritätsnetzwerk koordiniert. Für solch eine Leitung eignen sich Menschen mit besonderen Erfahrungen oder Fähigkeiten und solche, die besonders viel Energie in die Arbeit des Solidaritätsnetzwerks stecken wollen.

Es ist auch sehr gut vorstellbar, dass wir in Zukunft Teilgruppen organisieren zum Beispiel für LeiharbeiterInnen, Arbeitslose oder Alleinerziehende. Alle Bereiche des Solidaritätsnetzwerks zusammenzuführen, bleibt aber auch in so einer Situation notwendig.

Momentan gibt es neben den lokalen Treffen eine bundesweite Koordination. In dieser Koordination findet ein ständiger Austausch statt über die Entwicklung in den verschiedenen Städten, Erfahrungen werden ausgetauscht und gegenseitige Unterstützung über Städtegrenzen hinaus wird organisiert.

6. Schluss: Wo wir stehen und wie ihr mitmachen könnt

Das Solidaritätsnetzwerk in Deutschland ist noch im Aufbau. Unsere Erfahrungen sind noch sehr begrenzt und auch dieser Leitfaden wird deswegen immer wieder überarbeitet werden.

Zögert nicht euch zu melden, wenn ihr mitmachen wollt, es gibt eine Koordination für unsere Arbeit, an der sich jede neue Stadt beteiligen kann. Dort stehen wir im täglichen Austausch und können euch in der Arbeit unterstützen.