Am 31. ist der internationale Trans Day of Visibility. Ein Tag an dem seit 2009 die Errungenschaften von trans-, inter- und nicht-binären Menschen gewürdigt werden. Gleichzeitig soll das Bewusstsein für die Arbeit geschärft werden, die noch geleistet werden muss, um trans-Gerechtigkeit zu erreichen. Es ist ein Tag an dem die Sichtbarkeit und Existenz von trans Menschen weltweit gefeiert und in die Öffentlichkeit getragen wird.

 

Aber noch mehr als ein Tag um die Sichtbarkeit und Existenz von trans Menschen zu feiern, ist es ein Tag um zu kämpfen. Zu kämpfen gegen das Patriarchat und die Unterdrückung. Für geschlechtliche Selbstbestimmung und Gleichberechtigung.

Denn immer noch werden trans Menschen in unserer Gesellschaft unterdrückt und diskriminiert. Die heutige Unterdrückung von trans und inter Personen folgt aus der Funktion des Patriarchats im Kapitalismus. Das in unserer Gesellschaft verankerte Ideal der Kleinfamilie ist Schauplatz von eben diesem. Für Geschlechter jenseits des binären Geschlechtersystems ist in diesem Ideal keine gesellschaftliche Funktion vorhanden.

Alles was hierbei zählt ist die Anhäufung von Kapital, was wiederum bedeutet dass Nachschub an Arbeitskraft gesichert werden muss. Deswegen müssen sich alle Menschen, aber insbesondere Arbeiter:innen in die Kleinfamilienordnung und in Binärität der gesellschaftlichen Geschlechter Mann und Frau einordnen.

Mit dem gesellschaftlichen Geschlecht einher gehen der entsprechende Platz in der Ehe und Kleinfamilie, die besonderen Unterdrückungsverhältnisse und Rollenzuschreibungen. Inter, nicht-binäre und trans Menschen passen hier nicht ins vorgesehene Schema. Die bürgerliche Gesellschaft reagiert mit unter Zwang geschlechtsangleichenden Operationen oder mit Trans- und Interfeindlichkeit.

 

Wer seinen Personenstand ändern lassen möchte, muss sich noch immer einem entwürdigenden staatlichen Begutachtungsverfahren unterziehen. An Statistiken zur Obdachlosigkeit lassen sich die Auswirkungen von Trans-, Interfeindlichkeit und Homophobie gut erkennen.  Bis heute liegt der Anteil von LGBTI+ Menschen unter obdachlosen Jugendlichen in den USA, Kanada und dem Vereinigten Königreich beispielsweise bei 20 bis 40 Prozent und damit überdurchschnittlich hoch.

Zudem stehen inter und trans Menschen besonders häufig unter finanziellem Druck und sind oftmals von Diskriminierung im Job, sowie gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt.

In vielen Staaten konnte durch den Druck der LGBTI+ Bewegung eine dritte Geschlechterkategorie „divers“ erkämpft werden, die auf dem Personalausweis eingetragen lassen werden kann. Und auch große Unternehmen und Bildungseinrichtungen versuchen sich „Gender-Diversity“ auf die Fahne zu schreiben. All das sind letztlich aber nur Symptombekämpfungen.  Letztlich ändert all das nichts daran, dass im Kapitalismus und Patriarchat weiterhin nur gesellschaftliche Funktionen für Menschen bereit gehalten werden, die in das binäre Geschlechtersystem passen. Damit ist das bestehende System nicht in der Lage, den vielfältigen inter und trans Menschen gesellschaftlich irgendeine Perspektive zu bieten außer dem Label: „Sonstige“.

 

Auf dieser Grundlage kann die Diskriminierung und Unterdrückung von inter, nicht-binären und trans Personen nicht abgeschafft werden. Eine Perspektive kann ihnen nur eine Gesellschaft bieten, in der das Kapitalverhältnis, das Patriarchat und die bürgerliche Kleinfamilienordnung aufgehoben sind.

 

Doch nicht nur auf struktureller Ebene findet diese Unterdrückung statt. Auch auf zwischenmenschlicher Ebene. Transfeindlichkeit dient der Aufrechterhaltung des Patriarchats und verhindern damit die Einheit der Arbeiter:innenklasse im Kampf gegen das imperialistische System. Dies fängt beim missgendern und nutzen des Deadnames an und endet mit im schlimmsten Fall tödlicher Gewalt.

 

Deswegen ist es unsere Aufgabe bewusst dagegen zu halten, wenn uns Trans- und Interfeindlichkeit im Alltag begegnet. Genauso wie für ein System zu kämpfen, in welchem Klasse und Geschlechter befreit sind.

 

Wir wollen aber nicht nur auf die Unterdrückung von trans Menschen eingehen, sondern auch auf LGBTI+ kämpfe, die international geführt werden: Die Stonewallaufstände in den USA, die als Geburtsstunde der Pridebewegung gelten und somit vor 53 Jahren den Grundstein für weltweite LGBTI+ Kämpfe legten.

In Polen, wo 2020 in Warschau tausende Menschen auf die Straße gegangen sind um gegen die Inhaftierung einer trans Aktivistin zu protestieren, die 2 Monate in vorläufige Haft kommen sollte aufgrund von Sachbeschädigung und das Hissen einer Regenbogenfahne. Und auch landesweit, in ganz Polen, stellen sich tagtäglich Lesben, Schwule, inter, nicht-binäre und trans Personen gegen konservativen und fundamentalistischen Kräfte, denn ihre bloße Existenz ist ein Akt des Widerstands in den sogenannten „LGBTI freien Zonen“.

Und auch in der Türkei, wo LGBTI+ Aktivist:innen an der Spitze der Studentenproteste an der Boğaziçi-Universität gegen die Ernennung eines neuen pro-AKP-Universitätsdirektors durch das faschistische türkische Regime standen und dafür Repressionen und Folter ausgesetzt waren.

Und auch in Brasilien, wo in den letzten Jahren schon viele grundlegende Rechte erkämpft wurden, wie die Möglichkeit auf eine Berichtigung des Namens oder Geschlechts, ohne vorherige diskriminierende und entwürdigende Prüfung. Doch immer noch ist Brasilien das Land mit der weltweit höchsten Anzahl von Morden an trans Personen. Auf Hilfe des Staates seitens der faschistischen Regierung kann sich die trans Community in Brasilien nicht verlassen. Deswegen organisieren sich trans, inter und nicht-binäre Personen in Kollektiv und vernetzten sich in Bündnissen mit anderen sozialen Bewegungen, um ihre Sicherheit selbstständig zu verteidigen.

Überall auf der ganzen Welt kämpfen mutige trans, inter und nicht-binäre Menschen gegen Unterdrückung, Patriarchat und Kapitalismus.

Schließen wir uns ihnen an – heute, sowie an jedem anderen Tag.

Our Existence means resitence/ Unsere Existenz bedeutet Widerstand!

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Begriffserklärungen:

Missgendern bedeutet, dass eine Person dem falschen Geschlecht zugeordnet wird und/oder sie mit dem falschen Pronomen angesprochen wird.

Der Deadname ist der alte, nicht mehr verwendete Name einer Person, die einen neuen Vornamen angenommen hat.

Missgendern und Deadnamimg kann aus Versehen passieren. Es kann sich dabei aber auch um bewusstes transfeindliches Verhalten handeln.