SolidariTalk: Corona & Widerstand International

+++Internationale Online-Debatte mit Gästen aus Italien, Kroatien und Österreich+++
[Zusammenfassende Übersetzungen findet ihr hier unten zum mitlesen:]
Die Coronakrise und die tiefgreifende Wirtschaftskrise haben die Umstände, unter denen wir leben und unter denen wir für eine neue Welt kämpfen, drastisch verändert. Nicht nur in Deutschland sondern international. Darüber diskutieren wir in diesem Video mit 
– Jacoub | Committee Autonomous Inhabitants Barona (CAAB) | Italien
– Kresimir | Iskra | Kroatien
– Sarah | Sozialistische Linkspartei (SLP) | Österreich
– Joleen | Solidaritätsnetzwerk | Deutschland
Wie wirken sich Corona- und Wirtschaftskrise auf ihre Länder aus? Welche Maßnahmen trifft die Regierung, wie reagiert die Bevölkerung, wie die fortschrittliche Bewegung? Und welche Perspektiven des Widerstands gibt es?
Zusammenfassende deutsche Übersetzungen der SprecherInnen findet ihr hier:

Übersetzung

Vorstellung

Sarah: Ich bin ursprünglich aus Deutschland, lebe aber jetzt in Wien. Und bin Mitglied der SLP und somit auch in der östereichischen Sektion dieser revolutionären Internationale und ich arbeite als Sozialarbeiterin in einem Jugendzentrum.

Kresimir: Hallo zusammen, ich bin von Iskra, einer Gruppe aus Zagreb. Wir sind seit drei Jahren aktiv und sind in vielen verschiedenen Bereichen aktiv. Über diese Arbeitsbereiche sprechen wir später.

Jacoub: Hallo.

Joleen:
Ja, wir haben hier schon viel über die Situation in Deutschland gesprochen. Das öffentliche Leben ist vor einem Monat gestoppt worden, dadurch haben viele Leute ihre Jobs verloren oder arbeiten auf Kurzarbeit. Besonders die Menschen in der Gastronomie, Freiberufler und Selbstständige sind in einer sehr schlechten Situation. Auch Studierende wie ich erhalten kein Geld, um durch die Krise zu kommen. Seit Montag sind die Geschäfte wieder offen und man sieht sehr lange Warteschlangen vor den Geschäften. Das heißt für Warteschlangen gilt kein „Social Distancing“. Es gab auch Proteste von SchülerInnen, weil sie gezwungen sind vor Ort in den Schulen ihre Abschlussprüfungen zu schreiben, was eine Gefährdung für einige der SchülerInnen bedeutet. Ihre Proteste wurden aber ignoriert.
In vielen Städten ist nun die Maskenpflicht beschlossene Sache, es gibt aber großen Mangel an Masken und allgemein medizinischem Material. Die ArbeiterInnen im Gesundheitssektor beklagen diesen Mangel an Materialien, was das Infektionsrisiko in die Höhe treibt. Fabriken dagegen sind noch immer offen. Und waren es auch die ganze Zeit. Die Menschen haben dort ohne besonderen Gesundheitsschutzmaßnahmen gearbeitet.
Unsere Grundlegenden Rechte werden jeden Tag in Frage gestellt. Kleine Aktionen, bei denen die AktivistInnen Gesichtsmasken tragen werden verboten, es drohen Geldstrafen. Selbst wer alleine ein Schild hochhält, muss mit Repression rechnen. Das war eine Zusammenfassung über Deutschland. Jetzt würde ich gerne mehr über Österreich wissen.

Sarah:
Einiges ist ähnlich wie in Deutschland. Ich will hier ein paar Beisiele geben. Die Regierung wird durch eine Koalition von Konservativen und Grünen gestellt. Hier will ich aufzeigen, warum ihre Politik genau im Interesse der großen Unternehmen ist. Wie Jo sagte, werden auch hier die Geschäfte aufgemacht. Aber die Ausgangssperre bleibt sehr hart. Im Grunde genommen darf man nur raus um zu arbeiten und um einzukaufen. Das ist die absurde Situation. Raus darfst du nur alleine oder mit Leuten aus deinem Haushalt. Die Strafen sind sehr hoch. Ich arbeite in einem Jugendzentrum, hauptsächlich mit migrantischen Familien.
Die Jugendlichen kriegen sehr viele hohe Strafen und die Situation hat auch zu einer Verschärfung der Gewalt geführt. Natürlich auch besonders Gewalt gegen Frauen.
Die Kinder leiden unter psychischen Problemen.
Hier sind ebenso Demonstrationen verboten wie alle großen Veranstaltungen. Jedoch geht genauso wie in Deutschland das Arbeitsleben wie gehabt weiter. Die Unternehmer haben freie Hand, ihre Beschäftigten ins Home office zu schicken oder eben nicht, ob sie Distanzierungsmaßnahmen einführen oder Schutzmaßnahmen ist ihnen überlassen.
Das heißt alle Schutzmaßnahmen enden an der Eingangstür der Betriebe.
Ein gutes Beispiel ist auch Ischgl, um zu zeigen, das die Profite immer an erster Stelle stehen. Das ist ein bekanntes Skigebiet und war ein Hotspot für die Ausbreitung von Corona in ganz Europa. Nun ist klar, dass 56% der Fälle in Österreich darauf zurückzuführen sind. Die ersten Fälle waren schon Anfang März bekannt, aber sie haben mehr als zwei Wochen gewartet, bis sie reagiert haben und Skilifts oder Hotels geschlossen haben. Man muss wissen, dass die Skindustrie enorm groß ist, Korruption spielt hier eine Rolle.
Wie du gesagt hast, die Wirtschaftskrise ist auch in Österreich ausgebrochen. 600.000 Arbeitslose gibt es momentan, das ist die höchste Arbeitslosigkeit seit dem 2. Weltkrieg. Im Vergleich zu anderen Ländern wie Italien oder Deutschland, funktioniert das Gesundheitssystem noch ganz gut, aber die Kürzungen führen auch hier zu Problemen.

Joleen:
Vielen Dank, Sarah! Nun würde wir gerne über die Situation in Zagreb hören. Dort gab es ein Erdbeben, und ihr seid also nicht nur von der Krise betroffen.

Kresimir: Ich könnte vieles was gesagt wurde wiederholen. Auch hier steigt die Arbeitslosenrate, die häusliche Gewalt steigt, sie versuchen in der Regierung Überwachungsmaßnahmen einzuführen. Ich muss jedoch sagen, dass die Menschen in Kroatien vielleicht bisher noch nicht so furchtbar enttäuscht sind. Das mag auch daran liegen, dass wir ohnehin gegenüber unserer Regierung niedrige Erwartungen haben. Medizinisch ist die Situation bisher nicht so schlimm, lediglich 50 Menschen sind gestorben, das heißt die Sterblichkeitsrate ist niedrig. Das Gesundheitssystem kommt bisher gut mit der Situation klar, trotz massiver Kürzungen in den letzten Jahren. Es gibt hier ein massives Problem, weil Ärzte und PflegerInnen fehlen. Es gab vor sieben Jahren, als Kroatien in die EU eingetreten ist, eine massive Welle der Migration – gerade von medizinischem Personal.

Ihr habt auch die Maßnahmen, sozialer Distanzierung erwähnt. Wir dürfen also nicht in öffentlichen Plätzen miteinander sprechen. Es ist jedoch noch nicht so krass wie in Serbien, dort dürfen die Leute nach 20 Uhr abends nicht mehr raus, und am Wochenende sind die Menschen praktisch zu Hause eingesperrt ab Samstag nachmittag.
Also hier in Kroatien kann man sich noch relativ frei draußen bewegen. Die Menschen sind in kleineren Gruppen unterwegs, aber man darf sich nicht mit mehr als fünf Personen zusammen draußen aufhalten. Im Großen und Ganzen werden diese Beschränkungen auch eingehalten.
Es gibt auch keiner Einschränkungen oder Regeln für die UnternehmerInnen. Es gibt nur Empfehlungen. Beispielsweise sollen die Arbeitsbedingungen so gestaltet werden, dass die Abstandsregeln eingehalten werden. Aber es gibt darüber keine Kontrolle. Andererseits – um das sarkastisch zu sagen – wir haben auch ohnehin kein produzierendes Gewerbe, wo die Leute zu hunderten auf einem Fleck sind. Unser Land wurde komplett deindustralisiert. Daher ist dieses Problem nicht so krass wie in euren Ländern.
Die wichtigste Überwachungsmethode will ich noch erwähnen. Die Regierung hat versucht ein Gesetz zu beschließen, das ihnen erlaubt hätte, die Handys der Menschen zu tracken und somit die Einhaltung der Quarantäne zu überwachen. Andere Leute, die aus Österreich oder Italien zurückkommen, sollen zwei Wochen zu Hause bleiben in Isolation. Es gab jedoch eine starke Ablehnung in der Öffentlichkeit und daher haben sie diese Idee erst mal aufgegeben.
Wichtig ist aber zu sehen, wie die Regierung auf die ökonomische Krise reagiert. Sie haben sich für massive Subventionen für die Unternehmen entschieden. Sie haben sich geben Milliarden Kunas an die Unternehmen ohne irgendeine Art von Kontrolle, wie dieses Geld verwendet werden soll. Gesagt wird, dass das Entlassungen verhindern soll. Aber das Gesetz wurde ohne jegliche Absprache mit den Gewerkschaften beschlossen. Also das ist meiner Meinung nach das besorgniserregendste Anzeichen dafür, wie die Regierung die ökonomische Krise handhaben will.

Jacoub:
Die Situation in Italien zeigt einige Ähnlichkeiten mit den von euch erwähnten Aspekten auf. So zum Beispiel was häusliche Gewalt angeht, viele Entlassungen usw. Ich muss sagen, dass der staatliche Umgang mit dem Coronavirus schrecklich war. Es gibt zehntausende Tote und es gibt viele Menschen, die bis heute unentdeckt das Virus verbreiten. Es ist nicht gelungen einzugrenzen, wie die Übertragungsketten aussehen.
Die erste Krise, die das Coronavirus ausgelöst hat, war in den Gefängnissen. Es hat dort in 32 Gefängnissen Rebellionen gegeben. Die Menschen im Gefängnis wurden geschlagen, das ist nur bekannt, weil es gelungen einzelne Informationen aus dem Gefängnis zu schleusen.
Viele Menschen wurden von einem Gefägnis in andere verlegt, um den Widerstand zu brechen. Aber es gab viel Widerstand und am 18. März sind die Menschen in Solidarität mit den Gefangenen auf die Straßen gegangen.
Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Die Straßen sind militarisiert. Es ist möglich raus gekommen, aber nur alleine und auch nur um die notwendigsten Dinge zu kaufen. In einigen Städten ist es sogar verboten, weniger als einen bestimmten Betrag auszugeben.
Die Situation ist also sehr außergewöhnlich, so was haben wir noch nie erlaubt.
Die Teilnahme an den 1. Mai Demonstrationen und auch am 25. April – dem Gedenktag für die Befreiung von Milan – wurden durch die Polizei unterbunden.
Es gibt eine Menge faschistischer Organisationen, die versuchen die Plätze einzunehmen, die eigentlich die Linken füllen müssten, indem sie Aktionen machen, aber nur für die Armen, die sie als echte Italiener sehen.

Kresimir: Ich würde gerne den italienischen Genossen fragen, was ist der Grund für diese große Ausbreitung. In den kroatischen Medien wird eine Art kulturelle Erklärung dafür geboten.

Jacoub: Ich denke, man muss sich hier klar machen, dass die Fabriken offen geblieben sind und somit die Menschen weiter zur Arbeit gegangen sind, aber ohne irgendwelche Sicherheitsmaßnahmen. Es wurde kein Geld für die Sicherheit der ArbeiterInnen ausgegeben.
Eine andere Ursache liegt darin, dass es viel Privatisierungen im Gesundheitssystem gab. Die öffentlichen Krankenhäuser sind einfach überfüllt. Es gab dort nicht die Bedingungen weitere Übertragungen zu verhindern. Die Krankenhäuser sind somit selbst zu Übertragungsherden geworden.
Sonst gibt es momentan keine Klarheit über die Ursachen.

Sarah:
Ich wollte auch was fragen. Ich habe einige Artikel über eine Menge Streiks gelesen, wo die ArbeiterInnen mit Streiks die vorübergehende Schließung der Fabriken erzwungen haben. Kannst du dazu was sagen?

Jacoub:
Ja. Am Anfang haben die wichtigsten Gewerkschaften versucht, die ArbeiterInnen dazu zubringen, zu hause zu bleiben und den ArbeiterInnen klar zu machen, wie sie die Sicherheitsbestimmungen halten sollen. Sie haben versucht, Home office teilweise durchzusetzen. In dieser Woche haben einige Fabriken wieder geöffnet und die ArbeiterInnen haben dagegen gekämpft.

Wie seid ihr unter diesen Umständen als Organisation politisch aktiv?

Sarah: „Wir (SLP) sind Teil der internationalen Orgnisation, somit finden alle Aktivitäten auch in einem internationalen Kontext statt, da wir ja nicht voneinander isoliert sind. Wir kämpfen überall für eine sozialistische Gesellschaft und Wirtschaft. Als die Krise begann war der zentrale Punkt unserer politischen Arbeit, die Rolle der ArbeiterInnen in der Corona Krise klar herauszustellen. Ich denke, es wurde klar, dass das kapitalistische System überhaupt nicht funktioniert. Es wurde außerdem klar, welche Jobs essentiell sind und wer die Wirtschaft eigentlich am Laufen hält. Wir versuchen, Wege zu finden, um wirkliche Kämpfe aufzubauen, weil es das ist, worauf es im Endeffekt ankommt. Natürlich mussten wir gerade am Anfang erst einmal auf online Kampagnen, Proteste umsteigen. Wir haben in Österreich, aber auch in anderen Ländern, z.B. Irland diese online Kampagne #ohneunsgehtnichts gestartet. Es ist ein speak-out für ArbeiterInnen auf Facebook. Wir wollten, dass ArbeiterInnen aus verschiedenen Bereichen dort über ihre Arbeitsbedingungen unter Covid-19 sprechen. Es ist aber auch klar, dass wir früher oder später unsere „real-life“ politischen Akvititäten wieder starten müssen, natürlich mit den notwendigen Sicherheitsmaßnahmen. Wir werden am 1. Mai damit beginnen, rauszugehen und verschiedenen Formen des Protests mit social distancing auszuüben. Wir haben viele Beispiele dafür in verschiedenen Städten und Ländern gesehen. Unser Hauptfokus politisch ist gerade der soziale und der Gesundheitssektor, weil hier Streiks stattgefunden haben. Dieses Jahr gab es Streiks für die Reduzierung der Arbeitszeit auf 35 Stunden die Woche. Ich bin auch mit meinen KollegInnen streiken gegangen. Für Östrreich war es sehr beeindruckend, ein sehr entschlossener Streik. Leider hat der Vorsitz der Gewerkschaft ein sehr schlechtes Abkommen ausgehandelt. Corona wurde als Vorwand benutzt, um zu sagen, dass man eine nationale Verantwortung hat und jetzt nicht streiken gehen könne. Aber auch
andere ArbeiterInnen im sozialen Bereich müssen organisiert werden, z.B. Menschen die mit Geflüchteten oder Menschen mit Behinderung arbeiten. Wir brauchen weniger Arbeitsstunden, mehr Personal und mehr Lohn!“

Kresimir: „Während Sarah gesprochen hat ein Protest genau hier stattgefunden. Ich konnte es sehen. Menschen protestieren in Zagred gegen den Bürgermeister. Sie tun dies, indem sie auf die Balkone gehen und Lärm machen. Es gab auch vor Corona Proteste gegen den Bürgermeister, aber nach dem Erdbeben sind die Menschen noch wütender geworden. Nach dem Erdbeben wurden mehrere Tausend Wohnungen unbewohnbar. Die Menschen mussten raus und die „Lösung“ war, dass Studierende aus ihren Studierendenwohnungen raus mussten und zurück in ihre Heimat geschickt wurden. Es gibt momentan Tausende von leerstehenden Hotels und Ferienwohnungen, es wäre kein Problem, Menschen ohne Wohnung dort unterzubringen, aber es war wohl einfacher, die Studierenden loszuwerden. Die zweite Problem ist, dass einen Monat nach dem Erdbeben noch gar nichts unternommen wurde. Der Wiederaufbau der Wohnungen hat nicht stattgefunden, weil es Konflikte zwischen den nationalen Behörden und denen von Zagreb gibt. Der Konflikt ist, wer sich an dem Bauprojekt bereichern kann, weil es ein sehr großes Projekt sein wird. Es geht um viel Geld. Die Menschen leiden darunter, dass nichts passiert und sie nicht in ihrem Zuhause wohnen können.
Die Menschen haben begonnen, jeden Freitag um 19h zu protestieren, indem sie auf ihre Balkone gehen und laut sind. Letzte Woche war es sehr beeindruckend, es war effektiv und die Leute waren wirklich laut. Das ist ein Weg, um in dieser Zeit zu protestieren. Wir als Organisation (ISKRA) fühlen uns momentan paralysiert, weil uns Treffpunkt zerstört wurde vom Erdbeben. Wir haben für unsere politische Arbeit nie online Methoden verwendet, wir sind daran gewöhnt, Diskussionen usw. nicht über Internet zu führen. Es war Prinzip, das wir hatten. Aber jetzt zeigt sich, dass es uns gerade extrem paralysiert. Jetzt haben wir auf Facebook Kommentare zu dem Umgang der Regierung mit der Krise verfasst.
Wir sehen vor allem Probleme im öffentlichen Sektor. Arbeitergeber sehen die Krise als Chance, um noch mehr Kürzungen im öffentlichen Sektor vorzunehmen. Sie organisieren sich und haben Forderungen an die Regierung gestellt, dass sie Stellen streichen müssen und verlangen niederigere Steuerabgaben – die gleiche Geschichte, die man vermutlich von überall in Europa von der letzten Krise 2008 kennt. Es wird also sehr wichtig sein, den öffentlichen Sektor zu beschützen. Es wird große Angriffe der Wirtschaftssektors auf den öffentlichen Bereich geben. Damit einher wird eine hohe Arbeitslosigkeit gehen.

Joleen:“Wir haben bereits gehört, dass es Proteste in Solidairtät mit Gefangenen und auch Streik in Italien gab. Gibt es weitere nennenswerte Proteste dort?“

Jacoub:“In Italien gibt es auch Balkonproteste, um politische Botschaften in Solidarität mit Gefangen oder Menschen in Kriegsgebieten, wie Syrien, nach außen zu tragen, Botschaften gegen den Faschismus, gerade anlässlich des 25.04. Es finden auch online Proteste statt, z.B. Mail Bombing an die staatlichen Institutionen. Wir müssen überdenken, wie man öffentlichen Proteste verüben kann. In den letzten Tagen gab es Proteste in Turin. Der Anlass war, dass Menschen, die verdächtigt wurden, etwas gestohlen zu haben, von der Polizei sehr gewaltsam untersucht wurden. Daraufhin wurden Menschen, die gegen Polizeigewalt demonstrierten festgenommen, obwohl sich nichts gemacht haben, außer, Parolen zu rufen wie „Stoppt Polzeigewalt“! Die wurden ins Gefängnis gebracht und vier Tage später entlassen und erhielten viel Solidarität durch Balkonproteste. Trotzdem wurde gegen die Demonstrierenden Anzeige gestellt. Das zeigt uns, dass es gerade sehr schwer ist, zu protestieren. Man sollte trotzdem in Zukunft gegen die Politik des Regierung demonstrieren. Die Frage, die ich mir Stelle, ist, warum werden Fabriken wieder geöffnet, aber Proteste verboten? Das ist sehr widersprüchlich.“

Joleen:“Es ist eine Art Tag des Erwachsens (1. Mai) für linke AktivistInnen hier, weil sich niemand vorstellen kann, an einem 1. Mai nicht auf die Straße zu gehen und diese für Proteste zurückzugewinnen. Was sind die Pläne für den 1. Mai in Kroatien und Italien?“

Kresimir:“Ich werde mich sehr kurz fassen, denn es gibt keine Pläne. Traditionell haben die Gewerkschaften Demonstrationszüge veranstaltet, aber dieses Jahr organisieren sie nichts. Andere Gruppen, wie wir, sind zu klein und schwach, um eine Art des Protestes auf den Straßen zu organisieren. Was wir machen könnten, wäre, etwas zu schreiben und Flugblätter zu verteilen. Aber leider werden hier keine größeren Proteste stattfinden. Es zeigt auf eine Art, wie die Situation in Kroatien mit den Gewerkschaften ist. Diese sind in der jetztigen Situation völlig disorientiert. Politische Entscheidungen werden ohne die Partizipation der Gewerschaften getroffen. Wir können von den Gewerkschaften nichts spezielles für den 1. Mai erwarten.

Joleen:“Was sind die Pläne für den 1. Mai in Italien? Habt ihr welche?“

Jacoub:“Auch hier gibt es nichts viele Pläne aufgrund der Restriktionen. In Mailand ist es seit 2015 sehr schwer mit Planungen für den 1. Mai. Es gab starke Restriktionen damals und es kam zu starken Konflikten. Die antifistischen und antikapitalistischen Kräfte in Mailand wurden in verschiedene Sektionen gespalten. Seit diesem Tag organisierten sich Aktivisten in Kleingruppen. Aber es ist schwierig, größere Proteste für den 1. Mai zu organisieren.

Sarah:“Wir kämpfen für kurzfristige Maßnahmen, massives Testen, massive Investitionen in Handschuhe, Munschutze, sofortige Einstellung von mehr MiarbeiterInnen im Gesundheitswesen, höhere Löhne. Aber ich denke auch, dass es ein größere Politik Kampf ist. Wir wollen, dass große Konzerne enteignet werden und die Umstellung der Produktion darauf, was wir wirklich brauchen. Ein Kernaspekt für mich ist, wer kontrolliert die Produktion, wer bestimmt über Maßnahmen, z.B. darüber, wann Schulen wieder geöffnet werden. Wir denken, dass ArbeiterInnen entscheiden sollten, LehrerInnen und SchülerInnen sollten entscheiden, was Schulen wieder geöffnet werden. Ich denke, die große Frage in der nächsten Zeit wird sein, wer für die Krise bezahlen muss. Wird die ArbeiterInnenklasse bezahlen oder können wir durch Kämpfe errreichen, dass die Reichen zahlen müssen? Durch Kämpfe wie Streiks bis hinzu einem Generalstreik. Jetzt ist die Zeit, Menschen zu sagen, dass sie sich sofort organisieren müssen. Dafür kann man die solidarische Stimmung nutzen, die überall zu finden ist. Und ich denke, echte Kämpfe sind notwendig. Wir haben viele internationale Beispiele dafür. Wir haben GenossInnen in den USA, die geholfen haben, Mietstreiks zu organisieren. In vielen Ländern sahen wir Streiks von SupermarktmitarbeiterInnen, Amazon Angestellten oder LieferantInnen. In einigen Fällen, auch hier in Österreichen gibt es immernoch dieses Gefühl von Nationalität, du sagtest das auch über Kroatien..“

Kresimir:“Einer der schlimmsten Effekte von der Coronakrise ist diese Schaffung eines nationalen Einheitsgefühls, unser Staat, unser Primierminister wird gerade beliebter. Es liegt nur daran, dass die Leute sehen, wie viele Menschen z.B. in Spanien und Italien sterben und dann denken, dass die kroatische Regierung die Krise gut handhabt. Ich würde gerne einen weiteren Aspekt betonen und das ist der Fakt, dass Kroatien ein relativ armes Land in der Peripherie Europas ist. Die Struktur der Wirtschaft ist anders. Kroatien ist verwüstet für ein industrialisiertes Land. Es gibt kaum noch eine Industrie. Es ist fast komplett abhängig vom Tourismus. Über 20% der GDP werden im Tourismussektor gemacht. Es sind schlimme Zahlen. Es ist verhätnismäßig mehr Geld, das über Toursmis gewonnen wird als z.B. in bekannten Urlaubsregionen wie Spanien oder Italien. Durch die Corona Krise wird es keine Urlaubssaison geben. Es wird schwere Verluste in dne Staateinnahmen geben. Kroatien wird härter betroffen sein als europäische Staaten wie Österreichen oder Deutschland, wie es auch 2008 der Fall war. Kroatien hatte das Problem der Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren „gelöst“, indem Menschen für Arbeit ins Ausland geschickt wurden. Tausende Menschen haben seit dem Beitritt zur EU 2013 das Land zum Arbeiten verlassen. All diese Menschen kommen zurück. Das waren Menschen, die normalerweise in westlichen Ländern die schlimmsten Arbeiten verrichtet haben und so Leute haben ihre Arbeit sehr schnell verloren als die Krise begann. Ich deswegen, dass hier viel schwerer sein wird, zu kämpfen. Ich glaube, der wichtige Kernpunkt der Kämpfe wird es sein, den öffentlichen Sektor zu beschützen, Arbeitsplätze in wichtigen Bereichen, wie Bildung oder Gesundheit zu behalten. Wie ich sagte, es gab bereits Angriffe auf diese Bereich, indem die Regierung dazu gebracht werden soll, Stellen zu streichen.
Es gibt positive Beispiele von Dingen, die hier passiert sind. Im Herbst hatten wir den größten Streik von LehrerInnen in der Geschichten Kroatiens. Es war interessant, dieser Streik dauerte 40 Tage und war relativ erfolgreich. Normale LehrerInnen, normal Gewerkschaftsmitglieder waren sehr entschlossen in diesem Streik. Sie zwangen die Gewerkschaftsbosse, den Streik weiter aufrecht zu erhalten. Jetzt wird die Regierung entscheiden treffen, die besser für die Kapitalisten als für die ArbeiterInnen sind.

Jacoub:“Was wir denken, ist, dass die Corona Krise viele Prozesse verstärkt hat, die bereits stattgefunden haben. Ich denke, dass die neuen Wege, öffentlich Wirksam zu sein, werden die ersten Schritte sein, um sich für spätere Kämpfe zu organisieren. Was ist zuvor vergessen habe, zu erwähnen, sind die Bridages of Solidarity, das ist eine autonome Gruppe, welche Leuten hilft, einkaufen zu gehen, Essen zu bekommen, Medikamente zu kaufen. Es ist etwas, was von den Institutionen unterstützt wird, weil diese dazu ausrufen, dass man sich gegenseitig helfen soll. Aber die Menschen, die diese Solidaritätsarbeit tatsächlich machen, gehören zu keinen Vereinen. Oftmals sind sie zu kämpferischen Kollektiven oder sind junge Leute, die der Gemeinschaft helfen wollen. Das sie Wege, um sich zusammenzuschließen. So konnten wir Leuten unsere politische Arbeit näher bringen, ins Gespräch kommen. Wir konnten Leute überzeugen, dass Gemeinschaften zu kreieren sehr wichtig ist. Solidarität ist uns sehr wichtig! Jetzt kann es verbreitet werden auf einen sehr einfachen Weg. Wir können diesen Weg weitergehen, um zukünftig Wiederstand gegen die Politik der Regierung zu organisieren.“

Joleen:“Die nächsten Schritte, die wir gehen müssen, sind Bewegungen von Widerstand zu schaffen, mit kreativen Prostesten, durch Streiks, durch Nachbarschaftssolidarität. Wie das Corona Virus, ist es ein internationales Problem. Und wenn wir darüber reden, wer für die Krise bezahlen muss, dann reden wir von den Reichen, von der internationalen Elite, die ja auch von dem Leiden der ArbeiterInnenklasse und von der ArbeiterInnenklasse in manchen Ländern besonders profitiert hat. Wir denken, dass es wichtig ist, mit verschiedenen Organisationen zuammen zu arbeiten. Wir haben ein Bündnis gegründet, welches „Nicht auf unserem Rücken“ heißt. Wir werden damit einen größeren Einfluss haben. Es ist wichtig, dass nicht wenige Menschen alleine kämpfen, weil das nicht funktioniert. Was funktioniert, was ihr ja auch schon gesagt habt, sind große Streiks und Demonstrationen.“